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Gesellschaftliche Erklärungsmodelle  

Der Suizid aus der Sicht von Emile Durkheim (1897) 

Der französische Soziologe Emile Durkheim  sammelte als Erster systematisch die Todesursachen-Statistiken in verschiedenen europäischen Ländern des 19.Jahrhunderts und entwickelte daraus soziologische Theorien zur Erklärung für suizidales Verhalten (Le Suicide, 1897). Er begründet Suizid in der nicht geglückten Anpassung einer Person an die jeweilige Gesellschaftsform. Eine geglückte Anpassung eines Menschen an die Gesellschaft setzt gemäss Durkheim voraus, dass die Individuation (individuelle Entfaltung) weder zu stark, noch zu schwach ist. Folglich kann sowohl übermässige persönliche Entfaltung, als auch übermässig starke Anpassung an Normen und Erwartungen zu suizidalem Verhalten führen. Ein Gleichgewicht zwischen Individuum und Gesellschaft hängt aber auch von den gängigen sozialen Normen ab, an die wir uns anpassen müssen. Diese dürfen weder zu eng, noch zu unbestimmt sein. Das heisst, dass allzu strikte Regeln, Vorschriften und Rollenerwartungen in einer Gesellschaft zu suizidalem Verhalten führen können, weil wir uns zu wenig persönlich entfalten können. Gleichzeitig können zu unklare und unbestimmte Normen dazu führen, dass wir keine klare Vorstellung mehr davon haben, welches Verhalten gesellschaftlich erwünscht ist, was bewirkt, dass wir uns nicht orientieren können. Diese Orientierungslosigkeit hat gemäss Durkheim zur Folge, dass wir zu wenig Halt haben, was wiederum im Suizid enden kann.

 

Die Theorie von Durkheim weist viele Lücken auf und kann nicht eins zu eins übertragen werden in die heutige Zeit. Trotzdem hat sie nicht an Aktualität verloren. Gerade in unserer Zeit in der Schweiz oder sagen wir, in Westeuropa, werden Selbstverwirklichung und Individualisierung gross geschrieben, vielleicht zu gross? Auch der Aspekt der Normen ist aktuell. In einer pluralistischen Gesellschaft gibt es so viele verschiedene Normen wie es Untergruppen gibt, was zwar eine Bereicherung bedeuten kann, aber eine Orientierung schwierig macht, wie wir das oben bei der Identitätsentwicklung schon angedeutet haben.

 

„Risikogesellschaft“ nach Ulrich Beck

Eine aktuellere Theorie zu dieser Thematik bietet der deutsche Soziologe Ulrich Beck  in seinen Arbeiten über die ‚Risikogesellschaft’. Darin stellt er uns das ‚Individualisierung- stheorem’ vor. Früher waren die Menschen in einer Vielzahl traditioneller Lebensformen eingebunden, sei es Familie, Dorfverbände, religiöse Zusammenschlüsse, usw. In die Vorgaben einer solchen traditionellen Gesellschaft wurde man hineingeboren. In der heutigen Gesellschaft sind diese Vorgaben verloren gegangen, jeder einzelne muss sich um neue Vorgaben selber bemühen. Gemäss Beck führen hauptsächlich drei gesellschaftlich Entwicklungstendenzen zu einer Ablösung der traditionellen Vorgaben und Bindungen:

 

  • Steigerung des materiellen Lebensstandards:

Obwohl die soziale Ungleichheit erhalten bleibt, so versteckt sie sich doch hinter einer Erhöhung des Lebensstandards. TV, Auto und Markenkleidung gehören heute zur Grundausstattung. Wer sich das nicht leisten kann, verschweigt es lieber.

 

Früher war beispielsweise Armut (in Westeuropa) das Schicksal einer Menschengruppe (z.B. Arbeiterklasse), somit wurde sie auch kollektiv erlebt und ertragen. Hingegen wird heutzutage Armut als ein individuelles Schicksal angesehen, wofür jeder selber verantwortlich gemacht wird.

  • Steigerung der sozialen, geografischen und alltäglichen Mobilität:

Die Biographie eines Menschen ist in viel geringerem Mass gesellschaftlich vorgegeben als früher. Jeder wird zu seinem eigenen ‚Planungsbüro’ im Bezug auf die Gestaltung seines Lebenslaufs.  Beck nennt dies ‚Bastelbiographie’. Jeder muss lernen, Entscheidungen für sein Leben selber zu treffen und deren Konsequenzen zu tragen.

  • Erhöhung des Bildungsniveaus:

     

 

Bessere Bildung ermöglicht Selbstverwirklichungs- und Reflexionsprozesse einerseits, grundsätzliche Infragestellung der klassischen Ansichten andererseits. So gibt es zunehmend Schwierigkeiten zwischen den Generationen, aber auch in der Beziehungen zwischen Mann und Frau, da klassische Rollenverständnisse am Auseinanderfallen sind.

 

 

Was bedeutet dies nun für junge Menschen in der heutigen Zeit? Sie müssen früh lernen, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu fällen und deren Konsequenzen selber zu tragen. Sie können sich nicht mehr an allgemeingültigen Rollenvorstellungen und klaren Vorgaben bezüglich Lebenslauf orientieren. Im Prinzip ist fast alles möglich, also möchten wir auch nicht weniger, und das kann zu einer Belastung werden, vor allem, wenn wir es nicht erreichen. Beck verdeutlicht die Folgen der Individualisierung an den folgenden drei Dimensionen:

  • Freisetzung:

Individualisierung bedeutet einen hohen Gewinn an Handlungsspielräumen und Zunahme an Perspektiven und Entscheidungsmöglichkeiten. Alte Zwänge verlieren an Kraft.

  • Entzauberung:

Die ehemaligen Normen und Werte, welche Stabilität und Sicherheit vermittelten, sind nicht mehr verbindlich. Junge Menschen können sich nicht mehr am traditionellen Familien- und Berufsbild orientieren. Sie sehen sich einer Vielzahl von Orientierungsmustern gegenüber.

  • Kontrolle:
 

Traditionelle Bindungen und Sozialformen (z.B. regelmässige kirchliche Veranstaltungen, an denen die ganze Familie und das ganze Dorf teilnehmen) verlieren immer mehr an Bedeutung. Die soziale Kontrolle der traditionellen Netzwerke nimmt ab, mit ihr aber auch die soziale Unterstützung. Sozialisation (gesellschaftliche Prägung) findet vermehrt  ausserhalb der Familie statt. Junge Menschen werden zum Spielball von Moden, Konjunkturen und Märkten.

 

 

Aus diesen Individualisierungsprozessen ergeben sich für Jugendliche sowohl Chancen als auch Gefahren. Als positive Aspekte lassen sich Emanzipation, Freisetzung aus traditionellen Geschlechterrollen, Vielzahl von Wahlmöglichkeiten und Erhöhung der Entscheidungsspielräume bezeichnen. Die Gefahr davon sind zunehmende Isolierung, Verlust von Zugehörigkeiten, Orientierungslosigkeit und Überforderung durch zu viele Möglichkeiten. Zudem steigt der Druck aufgrund der erhöhten Eigenverantwortung. Wir wollen damit nicht sagen, dass diese Gefahren die Ursachen für suizidales Verhalten bei Jugendlichen sind, sondern dass sie den Identitäts- und Entwicklungsprozess junger Menschen wesentlich beeinflussen und dazu beitragen können, ein Mitgrund, einer von vielen Faktoren zu sein, welche zu einem Suizid führen können.