Biologische Risikofaktoren
Erbliche Vorbelastung (Gene):
Familienuntersuchungen zeigen klar, dass es eine erbliche Veranlagung für depressive Störungen und somit eine erhöhte Vulnerabilität (Gefährdung, Verletzlichkeit) für Suizid gibt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass mehrere Gene daran beteiligt sind. In Familien mit einer Depressionsveranlagung kann das Erkrankungsrisiko um das Doppelte bis Dreifache erhöht sein. Doch es werden natürlich nicht alle Menschen mit den entsprechenden Genen depressiv. Sie sind lediglich verletzlicher als andere. Selbst bei Zwillingen erkranken "nur" in 40% der Fälle beide an einer Depression.
Suizidalität/Depression und Hirntätigkeit:
Die Gefühlszentrale des Gehirns ist das limbische System. Dazu zählen Regionen der Grosshirnrinde, Nervenzellansammlungen im Zwischen- und Mittelhirn (Hypothalamus und Thalamus), der so genannte Mandelkern und der Hippocampus. Wie stark ein Gefühl ist, entscheidet die Grosshirnrinde, in der bewusstes Denken und Handeln stattfinden, in Zusammenarbeit mit anderen Strukturen des limbischen Systems. Ein komplizierter Regelkreis ist dafür verantwortlich, wie Informationen aus der Umwelt aufgenommen, interpretiert und bewertet werden. Die Forschung glaubt, dass dieser Regelkreis bei Depressiven/Suizidgefährdeten beeinträchtigt ist, dass Reize aus der Umwelt schlechter aufgenommen werden und zu wenig mit anderen "mitschwingen".
Ohne die Aktivität unserer Nervenzellen könnten wir weder sehen, hören noch fühlen. Ist eine Nervenzelle aktiv, wird der elektrisch Impuls entlang der Nervenfaser bis zu den Nervenendigungen und Kontaktstellen mit anderen Nervenzellen, den Synapsen, transportiert. Zwischen den Nervenendigungen und der nachgeschalteten Nervenzelle befindet sich ein Spalt, den ein elektrischer Impuls nicht überspringen kann. Diesen Spalt können nur chemische Botenstoffe, die Neurotransmitter, überwinden. Sie lösen bei der nächsten Nervenzelle wieder einen elektrischen Impuls aus und geben so die Aktivität weiter. Solche Botenstoffe sind das Serotonin und das Noradrenalin. Die Stoffe werden von der Nervenzelle ausgeschüttet, sobald ein elektrischer Impuls ankommt. Der Botenstoff verlässt die Nervenzelle, überquert den synaptischen Spalt, wandert zur Nachbarzelle und löst dort, indem er an den passenden Rezeptor andockt, wieder einen elektrischen Impuls aus. Im Gehirn geschieht dieser Vorgang gleichzeitig milliardenfach an verschiedenen Zellen.
Gestörter Stoffwechsel:
Auch wenn vieles noch nicht restlos geklärt ist, so gehen doch viele Wissenschaftler davon aus, dass während einer Depression der Stoffwechsel des Gehirns gestört ist: Serotonin und/oder Noradrenalin sind aus der Balance geraten. Sie sind entweder in zu geringer Konzentration vorhanden oder die Übertragung funktioniert nicht richtig. Ist aber die Übertragung zwischen den Nervenzellen gestört, so schlägt sich das auch in den Gefühlen und Gedanken nieder und führt zu fehlendem Antrieb, zu Appetit- und Schlaflosigkeit usw. Weiter wird vermutet, dass selbstverletzendes Verhalten durch eine Fehlregulation dopaminerger Aktivitäten bzw. durch dopaminerge Repzeptorensensibilität mitbedingt ist. Viele antidepressive Medikamente setzen an dieser Stelle an und bringen den Hirn-Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht.
Stresshormone:
Andere Erklärungsansätze stellen die Bedeutung der Stresshormone in den Mittelpunkt. Stress hat primär die Funktion, durch die Ausschüttung von Stresshormonen im Organismus die Aufmerksamkeit und Anspannung zu erhöhen, um in Gefahrensituationen blitzschnell reagieren zu können.
Jedes Mal, wenn wir eine Situation erleben, die den Körper in aussergewöhnlicher Weise fordert, wird unser Stresshormon-System aktiviert. Ein frühes Anzeichen einer Stressreaktion ist die erhöhte Freisetzung des Peptids Corticotropin-freisetzendes Hormon (CRH) durch das limbische System. CRH wiederum regt die Produktion des bekannten Stresshormons Cortisol an, welches, sobald es in den Blutkreislauf gelangt, den Körper darauf vorbereitet, der belastenden Situation zu begegnen. Die Freisetzung von Cortisol ist während einer Infektionskrankheit, bei einem akuten psychischen Trauma oder chronischem Stress erhöht. Beide Hormone, CRH und Cortisol, sind wichtige Faktoren, um die Reaktionen auf Stress zu koordinieren; dieses Kontrollsystem wird durch mehrfache biologische Vorgänge und Prozesse aufrechterhalten.
Forschungen haben gezeigt, dass das Kontrollsystem für Stresshormone bei Depressionskranken gestört ist. Es wurde untersucht, ob das vom Gehirn freigesetzte Stresshormon CRH auch auf der Verhaltensebene die für eine Depression charakteristischen Anzeichen und Symptome hervorrufen kann. Zahlreiche Versuche weisen darauf hin, dass CRH tatsächlich Verhaltensänderungen hervorruft, die der Depression entsprechen. Beispielsweise verstärkt eine erhöhte Konzentration von CRH im Gehirn die Angst, stört das Denkvermögen, vermindert den Appetit, den Schlaf sowie die sexuellen Bedürfnisse.
Schlussfolgerung
Insgesamt lässt sich aus den Befunden der Schluss ziehen, dass sich Depressionen/Suizidalität nicht auf ein biologisches, also medizinisches Problem reduzieren lassen. Wissenschaftler sprechen von einem "durch viele Faktoren bedingten", einem so genannten "multifaktorellen Geschehen", das der Entstehung von Suizidalität zugrunde liegt. Dabei spielen biologische, psychologische und soziale Einflussfaktoren eine Rolle. Entsprechend wird auch von bio-psycho-sozialen Depressionsmodellen gesprochen. Die verschiedenen Faktoren können jeweils unterschiedlich zusammenwirken. Während bei dem einen Kind vielleicht biologische Faktoren im Sinne einer erblichen Vorbelastung (einer sog. "Prädisposition") im Vordergrund stehen, sind es bei einem anderen Kind möglicherweise belastende Umwelteinflüsse und starke Stresseinwirkungen.