Was geschieht, bis es zum Suizid kommt?
Ursachen aus der Klinik für Suizid
Zuerst wird die Theorie des präsuizidalen Syndroms erklärt, danach wird die Beziehung zwischen Depression und Suizidalität sowie Aggression und Suizidalität näher betrachtet. Schlussendlich werden Motive für das Begehen eines Suizids aufgelistet.
Das präsuizidale Syndrom
Erwin Ringel hat um 1950 herausgefunden, dass einem Suizid meist eine oder mehrere der folgenden Phasen vorausgehen.
Demzufolge kann Suizid die Beendigung einer krankhaften psychischen Entwicklung sein. Auch heute noch wird die Theorie von Ringel als Grundlage für viele andere Erklärungen für Suizid benutzt. Das präsuizidale Syndrom wird sogar als Messinstrument zur Beurteilung der Suizidgefahr eines Menschen verwendet. Folgend wird genauer beschrieben, was unter den 3 Phasen zu verstehen ist:
Einengung: Bei der Einengung fehlt es der betroffenen Person an der Fähigkeit im Leben weiterzukommen. Der Suizid wird als letzte Möglichkeit angesehen, der Leere in sich und im Leben zu entkommen. Es werden dabei vor allem vier Formen der Einengung unterschieden:
- Situative Einengung: Die eigenen Lebensumstände werden als bedrohlich, unveränderbar oder übermächtig erlebt. Sich selbst, nimmt man als hilflos und ausgeliefert wahr. Ursachen können eine unheilbare Krankheit oder der Tod einer geliebten Person oder eigenes Fehlverhalten sein. Dabei werden die eigenen Lebenssituationen manchmal als schlimmer bewertet als diese in Wirklichkeit sind.
- Dynamische Einengung: Das Leben erscheint bei der dynamischen Einengung düster. Das ganze Leben und alle Mitmenschen werden als schlecht bewertet. Oft leidet die betroffene Person unter einer Depression, Panik oder ist sonst sehr verzweifelt.
- Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen: Die betroffene Person fühlt sich von Freunden und Familie im Stich gelassen, einsam und unverstanden.
- Einengung der Wertewelt: Das eigene Leben erscheint als langweilig und leer. Die betroffene Person ist interesselos und ihr ist alles gleichgültig. Eigene Hobbys werden vernachlässigt und die Wichtigkeit derselben entwertet.
Agression: Die vorhandene Aggression, auch gehemmte Aggression genannt, wird gegen aussen nicht gezeigt, obwohl die betroffene Person dies eigentlich gerne möchte. Durch das "in-sich-hineinfressen" der schwierigen Erlebnisse mit denen die Person konfrontiert wird, befindet sie sich in einer sehr quälenden Situation. Oft wird die aufgestaute Aggression bei einem relativ belanglosem Anlass entladen oder zum Teil auch gegen sich selbst gerichtet.
Irrealität - Suizidphantasien: Meist befasst sich ein betroffener Mensch intensiv mit negativen und düsteren Gedanken. Daraus entsteht oft ein Phantasieleben, welches die Orientierung an der Realität überwiegt. Die Phantasien gehen oft soweit, dass sich die betroffene Person vorstellt, wie es ist, wenn sie tot ist.
Nach Schütz (1994) werden drei Phasen der Suizidphantasie unterschieden:
- 1. Phase: Die betroffene Person denkt, dass sie tot sein möchte. Das Leben erscheint ihr als sinnlos. Meist verschwindet dieser Gedanke wieder, sobald wieder etwas schönes im Leben passiert.
- 2. Phase: Die betroffene Person denkt daran, sich selbst zu töten. Am Anfang ist dies erst ein einfacher Gedanke, dieser kann später aber zu einem zwanghaften Gedanken werden, der das ganze Denken beherrscht.
- 3. Phase: Die betroffene Person denkt über die Ausführung und den Zeitpunkt des Suizids nach. Dies geht soweit, dass der Suizid bis ins Detail geplant wird.
Beim präsuizidalen Syndrom wird angenommen, dass sich die betroffene Person ein Suizid sehr gut überlegt. Dabei wird aber nicht berücksichtigt, dass Suizidhandlungen oft auch Impulshandlungen sind, die entstehen, weil im Moment erlebter Schmerz nicht ausgehalten werden kann. Oft wird der Suizid als Affekthandlung durch die Einnahme von Medikamenten und Alkohol verstärkt. Zwar werden in der Theorie des präsuizidalen Syndroms Depression und Aggression bereits als Teil der Ursache eines Suizids beschrieben. Da diese beiden Störungen beim Suizid eine ganz wichtige Rolle spielen, werden sie auch noch einzeln betrachtet.
Die Beziehung zwischen Depression und Suizidalität
Bei einer depressiven Störung ist die betroffene Person über eine länger dauernde Zeit(mindestens zwei Wochen) depressiv verstimmt oder hat in dieser Zeit an Nichts mehr Freude. Ausserdem zeichnet sich eine depressive Störung auch durch eine weitere Anzahl anderer Merkmale aus, welche die trübe Stimmung zusätzlich fördern (zum Beispiel sind das Appetitlosigkeit, Schlaflosigkeit, Gefühl der Wertlosigkeit oder Energieverlust). Eine Person, welche an einer depressiven Störung leidet, hat oft keine Freude mehr am Leben und auch keine Energie mehr für dasselbe. Dementsprechend sieht die betroffene Person oft den einzigen Ausweg aus der Depression in einem Suizidversuch. Wissenschaftlich konnte dieser Zusammenhang allerdings nicht bestätigt werden.
Die Beziehung zwischen Aggression und Suizidalität
Unter Aggression versteht man, wenn eine Person vorhat einem anderen Lebewesen Schmerzen oder einem Gegenstand Schaden zuzufügen oder dies auch tatsächlich tut. Aggressive Menschen sind oft impulsiv, schnell reizbar und feindselig. Genau diese drei Begriffe werden oft mit Suizid in Verbindung gebracht.
Suchterkrankung und Suizid
Suchterkrankungen sind zum Beispiel Alkoholabhängigkeit, Drogenabhängigkeit oder Medikamentensucht. Oft haben suchterkrankte Personen auch Depressionen. Man nimmt deshalb auch an, dass suchterkrankte Menschen öfters zu Suizid neigen. Oft sind Menschen, die zuviel Alkohol getrunken haben, Medikamente oder Drogen genommen haben etwas enthemmt und unvorhersehbar aggressiv. Dementsprechend reagieren suchterkrankte Menschen auch manchmal spontan mit einem Suizid.
Ursachen für Suizid
Suizid ist oft eine Folge von Krisen oder anderen Ursachen, wie die folgende Aufgelistung zeigt:
Suizid als Folge einer Krise: In einer Krise befindet sich ein Mensch, wenn er aufgrund eines bestimmten Ereignisses in seinem Leben emotional überfordert ist. Dabei werden zwei Arten von Krisen unterschieden.
- Die traumatische Krise: Die traumatische Krise kann zum Beispiel durch eine schwere Krankheit oder den Tod eines nahen Menschen ausgelöst werden. Sie verläuft immer nach dem gleichen Erlebensmuster. Zu Beginn erlebt die betroffene Person einen Schock. Danach vergehen einige Wochen, in denen die betroffene Person das Ereignis verdrängt, sich Vorwürfe macht und auch Suizidgedanken hat. Nach ungefähr 6 Monaten beginnt die sogenannte Beareitungsphase. Die betroffene Person löst sich allmählich von den vorangegangenen Prozessen. Danach beginnt sie sich neu zu orientieren, das heisst sie wird wieder selbstbewusster und verarbeitet das traumatische Ereignis nach und nach. Die einzelnen Phasen können dabei ganz unterschiedlich lang sein. Teilweise kommen Personen aus einer Phase auch nicht mehr heraus, der Trauerprozess wird blockiert. Zudem ist ein Kriesenausgang mit einer Neuorientierung nicht immer positiv. Jemand kann aus einer Krise gestärkt hervorgehen, andere leben danach mit einer schlechteren Lebensqualität weiter.
- Krise durch Lebensveränderung: Die Lebensveränderungskrise kann durch ein einschneidendes Ereignis im Leben entstehen. Zum Beispiel durch den Auszug vom Elternhaus.
Suizidmotive:
- Überforderung: Die betroffene Person möchte die das Ereignis loswerden, das sie überfordert
- Hilferuf: Anderen klar machen, dass es einem nicht gut geht
- Rache: Bei anderen Schuldgefühle auslösen wollen
- Der Versuch sich die Liebe eines anderen Menschen zu erzwingen
- Versuchen eine erlebte Ungerechtigkeit zu rächen
- Bestimmte Eigenschaften an sich nicht akzeptieren könnenDer Glaube an ein Leben nach dem Tod
- Der Wunsch körperliches und seelisches Leid loszuwerden
Suizidale Entwicklung
Es ist eine sehr schwierige Aufgabe die Suizidabsicht eines Menschen zu erkennen. Sogar sehr erfahrene Personen stossen dabei immer wieder an ihre Grenzen. Wie kann man die Suizidabsicht dennoch feststellen? Oft, ausser es handelt sich um eine Kurzschlusshandlung, geht einer suizidalen Handlung eine sogenannte präsuizidale Entwicklung voraus. Diese Entwicklung verläuft nach Pöldinger in drei Stufen:
- Stufe: Erwägung
- Stufe: Ambivalenz
- Stufe: Entschluss
Bei der Stufe „Erwägung“ wird der Suizid erst als mögliche Handlung betrachtet. Oft gehen dieser Stufe Aggressionen oder auch bestimmte Erlebnisse (zum Beispiel ein Suizid in der Umgebung) voraus.
Bei der Stufe „Ambivalenz“ befindet sich eine betroffene Person im Konflikt. Einerseits möchte sie am Leben bleiben, andererseits möchte sie sich selbst zerstören. In dieser Phase kann es zur Ankündigung oder Drohung der Suizidabsicht kommen. Dies ist aber als Hilferuf zu verstehen. Deshalb muss man eine Suizidankündigung auch sehr ernst nehmen. Es hilft mit der betroffenen Person zu reden und zu versuchen die betroffene Person zu verstehen. Auf keinen Fall sollte man eine Suizidäusserung als Witz abtun oder das Problem mit Äusserungen wie „das ist doch nicht so schlimm“ oder „sei doch nicht so pessimistisch“ beiseite schieben.
Bei der Stufe „Entschluss“, entscheidet sich die betroffene Person dafür am Leben zu bleiben oder den Suizid zu begehen. Meistens ist eine betroffene Person in dieser Phase sehr ruhig und spricht bereits nicht mehr über die Suizidabsicht. Sinnvoll ist zu diesem Zeitpunkt zu fragen, warum sich die betroffene Person nun entschieden hat, am Leben zu bleiben. Will ein Mensch am Leben bleiben, wird er gute Gründe angeben können. Hat sich eine Person zum Suizid entschlossen, wird ihr dies schwerer fallen. Die Gründe sind dann möglicherweise speziell.