Suizidalität von Jugendlichen: Wie kommt es dazu?
Wenn sich eine Person das Leben nimmt, dann löst das immer viel Betroffenheit aus. Wenn es sich dabei um einen Jugendlichen handelt, dann umso mehr. Die Frage nach dem „Warum?“ stellt sich unweigerlich. Warum löscht ein junger Mensch sein Leben aus, wo er doch noch seine ganze Zukunft vor sich hat? Es wäre allzu einfach, wenn wir diese Frage in einem einzigen Satz beantworten könnten. Es gibt jedoch viele verschiedene Gründe, welche zu einer solchen Entscheidung führen. Was wir als Ursache annehmen (beispielsweise eine Enttäuschung), ist häufig nur der Auslöser, der das Fass zum überlaufen brachte. Aber was steckt dahinter? Folgende Abschnitte sollen über verschiedene Einflussfaktoren informieren und mögliche Antworten liefern. Gleichzeitig sollen sie klar machen, dass es DIE Antwort nicht gibt. Sie besteht aus vielen Puzzleteilen, die bei jeder Person anders sind, und die wir zusammenfügen müssen. Dabei handelt es sich nicht um ein Zusammenzählen einzelner Faktoren, sondern auch um das Verstehen deren gegenseitigen Wirkung. Eine zwischenmenschliche Enttäuschung beispielsweise kann als gravierender erlebt werden, wenn ihr ein anderes negatives Erlebnis wie eine schlechte Schulnote vorangegangen ist. Ein einzelner Faktor führt gewöhnlich nicht zu einem Suizid, sondern das Zusammenspiel mehrer Faktoren.
Gemeinsam ist den Menschen, die einen Suizid beabsichtigen oder durchführen, dass sie sich praktisch immer in einer Situation befinden, die von Gefühlen der Ohnmacht, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gekennzeichnet ist. Suizid scheint für sie der einzige Ausweg aus dieser Situation zu sein.
Besondere Anforderungen an junge Menschen
Jeder Abschnitt unseres Lebens ist von bestimmten Anforderungen geprägt. Jung sein, das bedeutet unter anderem das Leben erkunden, Grenzen testen, Verschiedenes ausprobieren. Es ist eine Zeit, in der wir uns intensiv mit uns und unserer Wirkung auf andere auseinandersetzen. Wer bin ich? Wie wäre ich gerne? Was denken die andern von mir? Es ist eine Zeit, in der sich vieles verändert in uns, um uns, an uns. Es ist eine Zeit, die mit vielen Unsicherheiten verbunden ist und uns daher sehr verletzlich macht. In der Fachliteratur werden die Anforderungen des jeweiligen Lebensabschnitts ‚Entwicklungsaufgaben’ genannt. Wenn wir diesen Anforderungen gewachsen sind, führt das zu Zufriedenheit und Zuversicht für weitere Herausforderungen. Sind wir aber überfordert, kann das zu Ablehnung, sowohl von den andern, als auch von sich selbst führen. Wir fühlen uns dann alleine gelassen und unfähig, den Ansprüchen gerecht zu werden.
Entwicklungsaufgaben
Folgende ‚Entwicklungsaufgaben’ sind für das Jugendalter bezeichnend:
- Aufbau eines Freundeskreises mit Gleichaltrigen (engl. ‚peer’), und zwar beiderlei Geschlechts: Herstellen von neuen, tieferen Beziehungen.
- Akzeptieren der eigenen körperlichen Erscheinung: Veränderungen des Körpers und sein Aussehen annehmen.
- Aneignen des erwarteten Rollenverhaltens: Erkennen und Entwickeln des Verhaltens, welches unserer Gesellschaft von einer Frau/ einem Mann erwartet.
- Aufnahme intimer Beziehungen: Finden einer Freundin/eines Freundes auf intimer Ebene.
- Ablösung von den Eltern: Sich langsam von den Eltern loslösen und unabhängig werden.
- Finden eines Berufs: Wissen, was man werden will und was man dafür können/lernen muss.
- Vorstellung einer eigenen Familie: Entwickeln der Vorstellung wie der Ehepartner und die zukünftige Familie sein sollten.
- Über sich selbst im Bild sein: Wissen, wer man ist und was man will.
- Entwicklung einer eigenen Weltanschauung: Sich darüber klar werden, welche Werte man achtet und als Richtlinie für eigenes Verhalten verwendet.
- Entwicklung einer Zukunftsperspektive: Sein Leben planen und Ziele ansteuern, von denen man glaubt, dass man sie erreichen kann.
Die Bildung der eigenen Identität
Einige der oben beschriebenen Punkte sind von zentraler Bedeutung für die Bildung der eigenen Identität. In diesem Zusammenhang taucht das Modell der Identitätsentwicklung in der Fachliteratur auf. Es geht davon aus, dass wir unser Leben lang unsere Identität immer weiterentwickeln müssen. Dabei wird das Leben in sechs Phasen aufgeteilt (Frühe Kindheit 0-3 Jahre, Vorschule/Schule (3-12 Jahre), Adoleszenz (12-18 Jahre), Junges Erwachsenenalter, Mittleres Erwachsenenalter, Höheres Erwachsenenalter). Für die Phase des Jugendalters (Adoleszenz) ist die Herausbildung einer eigenen Identität wesentlich. Die Identitätsbildung wird durch körperliche und geschlechtliche Veränderungen beeinflusst. Diese Veränderungen bewirken automatisch, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen. Gleichzeitig führen aber genau diese Veränderungen auch dazu, dass von unseren Eltern, Lehrern, Freunden, kurz von unserer ‚sozialen Umwelt’, andere Verhaltensweisen erwartet werden als von einem Kind. Die Schwierigkeit liegt nun darin, diese Erwartungen mit den eigenen Idealvorstellungen in Einklang zu bringen. Dabei geht es darum, seine soziale Rolle innerhalb der Gesellschaft zu finden und zu festigen. Was bedeutet das nun? Häufig decken sich die eigenen Vorstellungen nicht mit denen der Erwachsenen. Es entsteht eine Spannung zwischen unserer individuellen Entfaltung und der Anpassung unserer Entwicklung an die gesellschaftlichen Erwartungen. Die individuelle Entfaltung formt unsere personale Identität. Durch die Anpassung an gesellschaftliche Erwartungen entsteht unsere soziale Identität. Das Ziel ist, diese beiden Identitäten zu verbinden und daraus die Ich-Identität zu bilden. Das tönt vielleicht komplizierter, als es ist. Folgendes Beispiel soll dies veranschaulichen. Wenn beispielsweise jemand gerne seine Haare violett färbt und zusätzlich ausgeflippte Kleidung trägt, kann dies zu Schwierigkeiten an der Lehrstelle führen, wenn diese Person im direkten Kontakt mit Kunden steht und ihr Arbeitgeber eine solche äussere Erscheinung nicht akzeptiert. Findet nun diese Person einen Weg, ihren Stil zu behalten und trotzdem so auszuleben, dass er „salonfähig“ wird, dann hat sie die personale und die soziale Identität in diesem Punkt zusammengefügt.
Die Gesellschaft, in der wir leben
Da sich die Gesellschaft laufend verändert, verändern sich mit ihr die gesellschaftlichen Erwartungen. Wie sich ein Mann oder eine Frau zu Zeiten unserer Grosseltern zu verhalten hatten ist für die heutige Zeit schon nicht mehr gültig. Die aktuelle Gesellschaft ist geprägt von Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung . Es gibt nicht nur noch EINE richtige Verhaltensweise. Je nachdem, mit wem wir gerade zusammen sind, gelten unterschiedliche Regeln. Wir müssen lernen, uns in ganz verschiedenen Situationen anzupassen. Es wird von einer komplexen modernen Gesellschaft gesprochen mit ‚multiplen Realitäten’ (= viele unterschiedliche Sichtweisen oder Lebensweisen, die gelten), welche eine ‚multiple Identität’ (= Identität mit vielen Teilidentitäten) notwendig machen. Die Identitätsbildung in der heutigen Zeit besteht also nicht aus dem Bilden einer einzigen Identität, sondern mehreren Teilidentitäten. Das ist eine zusätzliche Herausforderung, da es heute nicht mehr klar ist, an wem wir uns orientieren sollen. Wir gehen auf diese gesellschaftlichen Aspekte im Kapitel der ‚Erklärungsmodelle’ näher ein.