Der Mythos der "Krebspersönlichkeit"
„Die Gedanken über die Krankheit ! – Die Phantasie des Kranken beruhigen, daß er wenigstens nicht wie bisher, mehr von seinen Gedanken über seine Krankheit zu leiden hat als von der Krankheit selber, - ich denke, das ist etwas! Und es ist nicht wenig!“ (Friedrich Nietzsche)
Ab dem Alter zwischen zwei und drei Jahren entwickelt ein Kind ein Verständnis für sein Ich-Sein. Dieser Schritt zur sogenannten Individuation ist Grundlage für eine Vielzahl von Merkmalen, die als distinkt menschlich gelten. Eines dieser Merkmale ist die Fähigkeit, Unrecht wahrzunehmen. Ab zwei Jahren beginnen Kindern, nach dem Warum der Dinge zu fragen. Sie tun es dann oft penetrant. Neben einigen Antworten, die sie den befragten Erwachsenen abpressen, entwickeln Kinder in dieser Phase auch die Idee, die Menschen wohl zeitlebens nie mehr aufgeben: dass die Antwort auf das Warum einer vorliegenden Situation ermöglichen würde, sich aus dieser winden, sich über sie zu stellen, sie kontrollieren zu können. Nietzsche scheint diese Idee auszudrücken, wenn er schreibt, dass derjenige, der ein Warum hat, sich mit jedem Wie abzufinden weiß. Mit zunehmender Zeit und Sicherheit schwächt sich der Drang laut nach dem Warum der Dinge zu fragen, ab. Er legt sich aber nie ganz zur Ruhe. Und immer wenn ein zunächst nicht Bewältigbares einbricht, wenn die gewohnte Sicherheit sich als befristete Rate erweist und der Grund, auf dem man solange so selbstverständlich schritt, plötzlich zu Eis wird, das brechen kann, erwacht der Drang nach dem Warum zu fragen erneut. Ein solcher Moment ist eine Krebsdiagnose. Es gibt unterschiedlichste Weisen auf eine Mitteilung zu reagieren. Selten aber ist, dass man sich nicht irgendwann – vielleicht nur im stillen –die Frage stellt: Warum ich ? Warum geschieht es ausgerechnet mir ? Warum dieses Unrecht ? Es kann dann eine aufgeriebene Suche beginnen nach Gründen, getrieben vielleicht von der Idee, dass mit einer gefundenen Antwort zugleich auch der Krankheit der Stachel gezogen werden könnte. Die Krankheit konfrontiert mit einer persönlichen Theodizee und eine gefundene Erklärung mag für viele so etwas wie eine Versöhnung mit dem Schicksal verheißen. Auf der Suche nach Erklärungen kommt der so Suchende in der Medizin nicht weit. Dass liegt nicht nur daran, dass bis heute kein umfassendes medizinisches Modell der Karzinogenese vorliegt, sondern auch daran, dass das medizinische Fachvokabular für den Außenstehenden nur schwer verständliche Antworten erlaubt.
Anders ist es mit der Psychologie oder dem, was unter Psychologie oder Lebenshilfe in den Regalen von Buchhandlungen geführt wird.
Die Publikationen, in denen Assoziationen zwischen der Persönlichkeit des Krebskranken und der Erkrankung gestrickt worden sind, füllen mittlerweile Regale. Wenngleich die Ätiologiekonstruktionen zwischen Autoren unterschiedlich akzentuiert sind, ist die Grundaussage zuverlässig die gleiche. Im Gegensatz zum komplexen Medizinervokabular ist sie auch für den Laien leicht nachvollziehbar, weil simpel: Bestimmte Merkmale der Persönlichkeit und der Lebensweise des Kranken sind für die Krebserkrankung verantwortlich.
Diese These einer Psycho-Ätiologie hat nicht nur die Kraft der Simplizität als Vorteil für sich, sondern beansprucht auch die Macht einer langen Tradition. Schon Hippokrates und Galen brachten die Krebsentstehung mit Melancholie in Verbindung. Anschließend ist die Idee eines Zusammenhangs zwischen depressiver Lebenshaltung bzw. Lebensweise und Krebs in unterschiedlichsten Varianten immer wieder aufgenommen worden. Die bis heute einflussreichste Idee ist die der so genannten Typ C Persönlichkeit. Hiermit sollte eine Persönlichkeit bezeichnet sein, die depressiv, antriebsgehemmt und unfähig ist, seine eigenen Interessen durchzusetzen und aggressive Gefühle auszuleben. Auf psychoanalytischer Seite als einer der ersten lieferte Wilhelm Reich eine entsprechende Psychoätiologietheorie: Krebs sei Folge unausgelebter Bedürfnisse und emotionaler Resignation. Reich wendete diese Theorie auch zur Erklärung der Krebserkrankung Freuds an: Dessen Krebs habe begonnen, als Freud von Natur aus sehr leidenschaftlich und „sehr unglücklich verheiratet“, sich der Resignation überließ: „Er lebte ein sehr ruhiges anständiges Familienleben, aber es besteht wenig Zweifel daran, dass er genital äußerst unbefriedigt war. Seine Resignation legte wie sein Krebs Zeugnis davon ab. Freud musste aufgeben, als Person. Er musste in den mittleren Jahren seine persönlichen Vergnügungen, seine persönlichen Freuden aufgeben... Wenn meine Auffassung vom Krebs zutreffend ist, muss man nur aufgeben, resignieren – und dann schrumpft man“. Etwas anders akzentuiert übertrugen andere Autoren einige Bausteine psychoanalytischer Ätiologietheorie zur Depression selektiv auf die Krebsentstehung. Sie konzeptualisieren die Krebsentstehung als einen auto-aggressiven Prozess, Folge einer überzivilisierten Lebensweise, in der der Aggressionstrieb nicht ausgelebt wird und sich gegen den eigenen Körper kehrt. Diese Theorie griff beispielsweise der Schriftsteller Norman Mailer auf, als er erklärte, dass er, wenn er nicht auf seine Frau eingestochen (und damit das „Nest mordlustiger Regungen“ in seiner Brust ausagiert) hätte, Krebs bekommen hätte und „in ein paar Jahren selbst tot gewesen“ wäre (Zitate beide aus Sonntag, 2005).
Von Seiten verhaltenstherapeutischer Autoren ist die Krebs-Ätiologie etwas anders gezeichnet worden. Der Schwerpunkt liegt hier nicht auf innerlich zersetzend wirkender, weil unausgelebter Triebenergie oder unbewusst verlaufenden, ungesunden Konfliktdynamiken, sondern auf Stress und unterschiedlichen Arten, mit ihm umzugehen. Wegweisend für verhaltenstheoretische Psycho-Ätiologien waren dabei Untersuchungen, in denen in Tierexperimenten gezeigt werden konnte, dass extreme Angstsituationen eine Verringerung der Immunfunktion auslösen können und dass diese Immunsuppressionsreaktion klassisch konditioniert werden kann: Nicht nur in der ursprünglichen Belastungssituation zeigten die Tiere also eine Immunsuppression, sondern ihre Immunabwehr verringerte sich auch dann, wenn sie mit Reizen konfrontiert waren, die sie mit der ursprünglichen Angstsituation zu assoziieren gelernt hatten. Auf Grundlage dieser Befunde und der Erkenntnis interindividuell unterschiedlich ausgeprägter Konditionierbarkeit folgerte der amerikanische Psychologe Eysenck, dass Menschen mit einer erhöhten, genetisch-konstituierten Tendenz für Konditionierungsprozesse durch Stresserfahrungen Immunsuppressionsreaktionen leichter erlernten, was dann bei diesen Menschen auch die Krebsentstehung fördern könne. Seligman, ein anderer bekannter US-Psychologe, ging ähnlich wie Eysenck von Befunden zur Immunsuppression in Stresssituationen aus, verlagerte den Akzent aber von Belastungssituationen zur typischen Art, mit diesen umzugehen. Seligman unterscheidet Pessimisten und Optimisten, wobei die letzteren sich von den ersten in der Art unterscheiden, wie sie sich Rückschläge gedanklich selbst erklären. Pessimisten neigen dazu, sich für eine belastende Situation grundsätzlich persönlich zu beschulden, sie gehen davon aus, dass diese Situation anhalten wird und symptomatisch für ihr gesamtes Leben ist. Umgekehrt zeigen Optimisten in belastenden Situationen keine Selbstbeschuldigungstendenz, sie erwarten, dass die Situation nicht ewig anhalten wird und definieren sich nicht über den Rückschlag. Infolge dieser Unterschiede dauerten bei Pessimisten Stressreaktionen mit den symptomatischen Immunsuppressionen länger an als bei Optimisten. Seligman und durch sein Konzept angeregte Forscher versuchten nun zu zeigen, dass Pessimisten stärker als Optimisten krebsgefährdet sind und nach Erkrankung geringere Überlebenschancen hätten.
Melancholie, Antriebs- und Aggressionsgehemmtheit, Durchsetzungsschwäche, Pessimismus als Prädiktoren des Krebses: die psycho-ätiologischen Ansätze sind sich in ihrer Grundbotschaft letztlich einander sehr ähnlich. In ihrer simplifizierten Basalform längst ins Laienpsychologieverständnis eingeflossen, rufen sowohl die am Wasserkesselmodell orientierten psychoanalytischen Ätiologietheorien als auch verhaltensorientierten Stressansätze Wiedererkennungseffekte hervor und erlangen so eine gefühlte Plausibilität.
In einer empirisch-orientierten Wissenschaft bemisst sich der Wert einer Theorie allerdings an ihrer Fähigkeit, zuverlässige, aber potentiell widerlegbare Vorhersagen zu ermöglichen. Und wenn man diesen Gütemaßstab anlegt, zerfällt die Augenscheinvalidität der PSychoätiologie-Konstruktionen. Zwar konnten bestimmte Zusammenhänge zwischen der Krebserkrankung und Charakteristika der Einstellung und des Verhaltens des Erkrankten gefunden werden. Diese Querschnittsstudien wurden allerdings an bereits Erkrankten durchgeführt. Sie ließen deshalb keine Rückschlusse auf die Frage zu, ob die gefundenen Charakteristika bereits vor der Erkrankung bestanden hatten, oder sich erst sekundär infolge der Erkrankung, der Therapie, resultierenden Körperentstellungen, etc. entwickelten. Darauf, dass der zweite Schluss sehr viel plausibler ist, deuten nicht nur Befunde relativ hoher Depressivitätsraten unter Krebskranken infolge der Erkrankung hin, sondern auch die wenigen vorliegenden Längsschnittstudien, in denen größere Stichproben von Personen über Jahre beobachtet wurden und untersucht wurde, ob bestimmte Persönlichkeitsmerkmale eine spätere Erkrankung vorhersagen können. Konsistent konnten in diesen Studien Zusammenhänge zwischen einem Typ C Persönlichkeitsschema und einer späteren Zusammenhänge nicht aufgezeigt werden. Zwar ist relativ gesichert, dass bestimmte Verhaltensweisen (zuvorderst das Rauchen) mit einem erhöhten Krebsrisiko einhergehen. Auch gibt es Hinweise, dass bestimmte Bewältigungsstile und Depression die Überlebenschancen bei bereits eingetretener Krankheit reduzieren. Für die Annahme einer homogenen Persönlichkeitsstruktur als ein Entstehungsfaktor für eine Krebserkrankung fehlt aber schlicht die Evidenz.
Angesichts dieser relativ eindeutigen wissenschaftlichen Befundlage stellt sich die Frage, warum die These einer Psycho-Ätiologie sich so hartnäckig so populär halten konnte. Die Wechselwirkung der Einflüsse Motive von drei Personenkreisen mit jeweils unterschiedlichen Motiven scheint hier maßgeblich: 1. der Kreis der Autoren der These, ihr Selbstbestätigungs- und Profitmotiv 2. der Kreis der Kranken und ihr Erklärungs- bzw. Kontrollmotiv 3. der Kreis der gegenwärtig Nicht-Krebskranken und ihr Erklärungs- bzw. Selbstschutzmotiv.
Verschiedene Autoren versuchen seit Jahrzehnten ihre „ganzheitlichen“ Krankheitsdeutungen und spiritualistischen Heilentwürfe zu popularisieren. Autoren wie Dahlke und Dethlefsen sind damit tatsächlich Verkaufsschlager gelungen. Diese Autoren besitzen zum Teil einen autoritäteinhauchenden medizinischen Doktortitel, ignorieren aber konsequent die wissenschaftliche Evidenz und gebärden sich offensichtlich als Heiler im Graubereich von Medizin und Seelenheil. Der Sozialmediziner Schwarz (2004) spricht in Bezug auf diesen Autorenkreis von einem „Meinungs- und Zitierkartell“. Da sich die Krebscharakterthese in der Vergangenheit gut verkauft hat, ist anzunehmen, dass die Penetranz, mit der die Autoren sich über den medizinischen Erkenntnisstand hinwegsetzen, nicht nur durch eine sektenartigen Selbstbestätigungsdrang, sondern durch banales Profitinteresse motiviert ist. Um zu verstehen, warum sich die Auffassung eines Krebscharakters aber so gut verkauft, muss man die beiden anderen relevanten Personenkreise und ihr Wechselspiel berücksichtigen: die Krebskranken und die nicht Krebskranken.
Wie anfänglich schon beschrieben, scheinen die meisten Menschen die Idee verinnerlicht zu haben, dass mit der gedanklichen Beantwortung der Frage nach dem Warum einer eingetretenen Situation diese Situation irgendwie bewältigt werden könnte. Diese Tendenz ist nicht dumm und hat grundsätzlich Anpassungsfunktion: um ein Problem zu lösen, kann es helfen, zu wissen, worin das Problem besteht. Menschen scheinen nun aber dazu zu neigen, zu verpassen, aus der Phase der Lage-Orientierung in eine Handlungsphase überzuwechseln bzw. setzen die erste mit der zweiten gleich. Das typische Beispiel ist der Psycho-Analysepatient, der seit Jahren in Analyse dieselben zermürbenden Wanderungen zu den vermeintlichen Wurzeln seiner Lebensmühen unternimmt in der Hoffnung, dass er nur tiefer graben müsse, um endlich an eine Lösung zu gelangen, die ihm vom Handeln jenseits des Schutzes des Therapieraums befreit. Oftmals geht diese überzogene Lageorientierung und das für sie typische Gedankenkreisen einher mit der Orientierung an einem dualistischen Ideal: man hofft, die Krankheit durch den eigenen Willen niederzwingen zu können, wobei aber auch hier wiederum angenommen wird, dass der Wille erst dann voll entfesselt werden könne, wenn geklärt ist, warum es überhaupt zur Krankheit kommen konnte (siehe hierzu auch Sonntag, 2005). Dass Krebskranke nun empfänglich für Ätiologietheorien sind, die Lebensverfehlung oder Charakterdefizite implizieren, ist aus mehreren Gründen leicht nachvollziehbar: Einmal kann die Übernahme einer Selbstverschuldung implizierenden Ursachenerklärung als ein typisches Symptom einer latenten oder vollumfänglichen Depression angesehen werden, die bei Krebskranken gehäuft auftritt. Zum anderen legen die Krebserkrankung und besonders die Therapie dem Patienten extreme Prozeduren auf, die leicht als Bestrafung empfunden werden können. Schon in der frühesten Entwicklung lernen Kinder nun, Zusammenhänge zwischen eigenem Verhalten und Belohnungs- und Bestrafungsfolgen zu konstruieren: Sie lernen Bestrafung als Folge eines Regelverstoßes anzusehen und erlangen dadurch das Vertrauen, bestimmte Folgen durch bestimmtes Verhalten kontrollieren zu können. Dass eine aversive Ereigniskette von solcher Dimension wie der Prozess der Krebserkrankung gänzlich unwillkürlich sein und nicht Reaktion auf eigenes Verschulden sein soll, widerspricht also dem Selbstverständnis, das eine jede (böse) Sache auch einen (bösen) Grund habe, ein Selbstverständnis, mit dem sich Menschen von früher Kindheit an gegen die Idee wappnen, den Dingen hilflos ausgeliefert zu sein.
Nun leben Krebskranke natürlich nicht in einem Vakuum, ihre Selbstansicht ist nicht gänzlich unabhängig von der Fremdansicht. Und deswegen müssen als dritter Einflussfaktor für die Popularität der Psycho-Ätiologiethese die Nicht-Krebskranken berücksichtigt werden. Diesem Kreis wendet sich Sontag (2005) in ihrem Aufsatz „Krankheit als Metapher“ zu. Sontag, die in ihre Arbeit auch ihre eigenen Erfahrungen mit der Krebserkrankungen verarbeitet, weist darauf hin, dass unser Verständnis von Krebs und ehemals von Tuberkulose maßgeblich von den sprachlichen Metaphern und Mystifikationen geprägt sei, die um diese Krankheiten gekleidet worden sind: Der romantische Mythos der Tuberkulose, wie er beispielsweise in den Schriften von Friedrich Nietzsche und Thomas Mann aufgeführt wird: Die Tuberkulose verfeinere den Betroffenen geistig, erhebe ihn und liefere Beweis eines empfindsamen und schöpferischen Wesens. Das Krebsgeschwür hingegen als Metapher für einen auch andere anstecken könnenden inneren Zersetzungsprozess, für eine immer tödliche (gesellschaftliche) Bedrohung, eine dämonische Schwangerschaft; die innere Selbstzerstörung als Quittung für eine unvitale, entfremdete, lebensfeige innere Haltung. Die Krankheitsmythen einer Zeit, schreibt Sontag, seien immer auch Reflektionen und Projektionen der Ängste und Hoffnungen einer jeweiligen Generation. Dabei sei eine Krankheit umso anfälliger für Metaphorisierung und Mythologisierung, je dürftiger das medizinische Ätiologiewissen ausgeprägt sei und je weniger Heilungschancen bestünden. Bezogen auf die Krebsmythologie legt Sontag nahe, dass die gesellschaftliche Mythologisierung der Krankheit die Funktion habe, das nicht gänzlich verdrängbare Kranke und seine Todesdrohung zu distanzieren und die unbezähmbare Macht der nicht verstandenen Krankheit zumindest sprachlich zu dominieren. Durch den Mythos der Krebspersönlichkeit mit seiner Suggestion eines inhärenten und umfassenden Krankseins des Krebskranken begäben sich die Nichtkranken in Sicherheit vor der Gemahnung der Krankheit an die eigene Sterblichkeit. Der Psycho-Ätiologie-Mythos sei so verhängnisvoll, weil er einerseits Schuld- und Schamgefühle beim Kranken wecke und andererseits dessen Isolation und gesellschaftlichen Ausschluss erleichtere. Auch sei die dämonische Mystifikation der Krankheit das ideelle Fundament des bis in die 70 er Jahre geltenden ärztlichen Dogmas gewesen, die betroffenen Familien, nicht aber den Patienten über dessen Diagnose aufzuklären: Eine Praxis, durch die eine weitere Kluft zwischen dem Kranken und seiner engsten Umgebung geschlagen wurde, indem jener eine Wahrheit zugeliefert wurde, die vor diesem gehütet werden sollte, dem damit die Reife implizit aberkannt wurde, die Diagnose ertragen zu können.
Es gibt allerdings hoffnungsvolle Anzeichen dafür, dass der von Sontag beschriebene gedankliche gesellschaftliche Rahmengebung, in die die individuelle Krebserkrankung gepresst wurde, heute so nicht mehr zutreffend ist. Als entscheidende Voraussetzung hat sie die Hilflosigkeit der Medizin gegen den Krebs. Mit zunehmenden Fortschritten im Krebsverständnis und in der Krebstherapie mehren sich die Hinweise, dass die Tendenz zur Abwertung von Krebskranken sich aufgeweicht hat: Die Zeiten, in denen Krebskranken ihre Diagnose von den Ärzten vorenthalten werden, sind in Amerika und Deutschland vorüber. Angebote psychologischer Beratung komplementär zur Standardtherapie werden von immer mehr Patienten und Angehörigen angenommen. Krebskranke versuchen seltener als früher, ihre Erkrankung mit allen möglichen Mitteln zu verbergen. Die Entwicklung nähert die Hoffnung Nietzsches: „Die Phantasie des Kranken beruhigen, dass er wenigstens nicht wie bisher, mehr von seinen Gedanken über die Krankheit zu leiden hat, als von der Krankheit selber...“.
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