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Todesverständnis von Kindern  

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Die Todeskonzepte von Kindern und was man beachten sollte, wenn man mit Kindern über Krankheit und Tod spricht

 
Die Idee, Kinder hätten kein Verständnis vom Tode und würden folglich auch keine Furcht vor ihm empfinden ist weitverbreitet und genoss lange Zeit auch gewisse intellektuelle Autorität. So zeigte Piaget mit seinen Experimenten, dass Kinder die Fähigkeit zum abstrakten Denken erst spät entwickeln und legte damit nahe, dass das Abstraktum des Todes für Kinder nicht fassbar sei. Freud wies dem Tod in seinen Formulierungen über die grundlegenden Sorgen des Kindes einen relativ späten Platz in der Entwiclung zu und gab den sexuellen Sorgen eine frühere und primäre Position.

Dass Kindern theoretisch das Vermögen zur Konzeptualisierung des Todes abgesprochen wurde, führte dazu, dass Versuche, das Todesverständnis von Kindern verschiedener Altersstufen empirisch zu erforschen, relativ rar geblieben sind. Eine der wenigen Sudien zu diesem Thema stammt von Marie Nagy (1948), sie wird deshalb immer noch häufig zitiert. 

Im folgenden sollen die zentralen Ergebnisse dieser Arbeiten referiert werden. Es soll gezeigt werden, dass die These, Kinder entbehrten einer Repräsentation über den Tod in dieser undifferenzierenden Form widerlegt worden ist. Schon im Alter von 10 Jahren entspricht das Todeskonzept von Kindern weitgehend demjenigen von Erwachsenen.  Jüngere Kinder weisen dem Tod hingegen in alterstypischen Stadien spezifische Merkmale zu, wodurch sie zu bestimmten Ängsten disponiert werden. Diese für diese alterstypischen Phasen der Todeskonzeptentwicklung jeweils charakteristischen Ängste sollen aufgezeigt werden und es soll skizziert werden, worauf Erwachsene achten sollten, wenn sie mit Kindern über Tod und Krankheit sprechen. Referenzen bilden Nagy (1948) und Camden (1997).

Das Todesverständnis von Erwachsenen.

Obwohl es heißt, über den Tod werde nicht gesprochen, ist das Wort „der Tod“ ein zu häufig gebrachtes –man denke nur an die Tagesnachrichten – als dass mit ihm nicht passieren würde, was mit Worten durch ihren häufigen Gebrauch, ihre Einbettung ins Geschwätz – zu geschehen pflegt: sie nehmen den Klang des Selbstverständlichen an und und durch diese Suggestion der Domestizierbarkeit wird die Angst, den die Erkenntnis in die zugrunde liegende Bedeutung des Wortes hervorrufen könnte, präventiv betäubt, sie muss nicht einmal angedacht werden.

Die eher selten gebliebenen Bemühungen, zu erforschen, wie Menschen den Tod konzipieren, konnten aufzeigen, dass nicht nur interkulturell sondern auch innerhalb westlicher Gesellschaften eine Vielzahl heterogener Todeskonzepte existieren (z.B.).  Deshalb ist es eine gar nicht einfache Aufgabe, Kriterien zu identifizieren, die ein „erwachsenes“ Verständnis vom Tode definieren. Die meisten Autoren, die sich der Ontologie des Todeskonzepts widmeten, setzten zumindest folgende Kriterien für ein „erwachsenes Todesverständnis“ fest:

Die Erkenntnis,

-   dass der Tod irreversibel

-   universell

Andere Autoren führten zusätzlich an:

Die Erkenntnis,

-   dass die Ursachen des Todes biologisch sind

-   dass der Tod den völligen Stillstand aller Körperfunktionen bedeutet.

Entwicklung des kindlichen Todesverständnisses

Als Nagy in ihrer klassischen Studie von 1948 378 Kinder im Alter zwischen 3 und 10 Jahren untersuchte, fand sie, dass die Kinder jünger als 5 Jahre noch nicht erkennen, dass der Tod unumkehrbar und definitiv ist. Kinder diesen Alters erkennen in ihm eine temporäre Abwesenheit, eine Reise auf Zeit oder ein Schlaf mit Erwachen. Es ist also möglich, dass ein Dreijähriger, dem der Tod seines Vaters mitgeteilt wurde, fragt, ob der Papa es schaffen wird, bis Weihnachten wieder zurück zu sein. Folglich erkennen sie auch nicht, dass der Tod den Stillstand aller Körperfunktionen bedeutet. Der Tote würde weiter leben, atmen, essen und trinken, wenn man ihn nicht in den Sarg gesteckt hätte. Leben und Tot werden also nicht als Gegensätze erfasst und die Eigenschaften der Lebenden gelten auch für die Toten.

In den Gesprächen, Aufsätzen und Zeichnungen der Kinder zwischen 6 und 9 Jahren fand Nagy, dass ein Merkmal der Todesvorstellung von Kindern, in dieser Gruppe besonders ausgeprägt ist: Die Kinder personifizieren den Tod. Häufig zeichnen sie ihn als schwarzen Mann, der den Gestorbenen mit Gewalt entführt. Die Annahme, dass der Tod äußerlich verursacht werde, geht einher mit der Idee, der Tod sei nur eine bedrohliche Eventualität, der man entkommen könne. Zu der Einsicht, dass der Tod irreversibles und universelles Faktum ist, also jeden, auch sie selbst, ereilen wird, gelangen Kinder dann zwischen 9 und 11 Jahren.

Schon ab diesem Alter entspricht das Todeskonzept von Kindern also weitgehend demjenigen von Erwachsenen.

Spezifische Ängste und worauf geachtet werden sollte

Verknüpft mit verschiedenen Todeskonzepten sind bei Kindern alterstypische Ängste, die verschärft oder gemildert werden können.  Das Wissen um die typische Ontogenese des Todeskonzepts und die zentralen alterstypischen Ängste ist deshalb nicht nur von theoretischer Bedeutung, sondern auch praktisch relevant, um Kinder in der Auseinandersetzung mit dem Tod angemessen zu unterstützen.

Wie gezeigt, verstehen junge Kinder bis 5 Jahren den Tod häufig als eine Art Schlaf. Dieses frühkindliche Verständnis ist in zahlreichen Ausdrucksformen der Alltagssprache bewahrt: „ewige Ruhe“; friedlich einschlafen“, etc. Besonders jüngeren Kindern sollten der Tod deshalb nicht als Schlaf dargestellt werden, da dies dazu führen kann, dass in Folge Schlaf und Tod assoziiert  und Schlafensängste ausgebildet werden.

Die wohl stärkste unter den kindlichen Ängsten ist die Verlustangst. Diese ist besonders ausgeprägt in der frühen Kindheit. Es wird deshalb z.B. von Camden davor gewarnt, Kinder, um sie zu schonen, nicht in Beerdigung bzw. Beerdigungsvorbereitungen einzubeziehen oder auf Besuche mit dem Todkranken mitzunehmen. Wenn sie nicht ausdrücklich widersprechen, sollten Kinder grundsätzlich einbezogen werden. Ansonsten können die durch die Todesnähe erhöhten Verlustängste nochmals gesteigert werden und die gebildeten Angstgedankenspiralen eskalieren.

Ab 5 Jahren bilden sich bei Kindern normalerweise Ängste vor physischer Versehrung und Verstümmelung. Durch bevorstehende Operationen können diese zusätzlich gesteigert werden. Es kann deshalb hilfreich sein, anhand von Puppen, z.B., Operationsprozeduren zu erläutern und der möglichen Angst des Kindes entgegenzuwirken, es würde unausweichlich Opfer eines Gewaltaktes.  

In der Altersphase ab 5 Jahren werden Kinder normalerweise für starke Schuldgefühle empfänglich. Häufig ist bei Kindern dann die Idee, schuld zu sein an der eigenen Krankheit oder der Krankheit bzw. dem Tod eines Familienmitgliedes, den Tod durch einen magischen Akt quasi selbst herbeigeführt zu haben. Diese Sensibilität für (irrationale) Schuldgefühle sollte immer berücksichtigt werden und Schuld und Strafe suggerierende Phrasen, wie z.B. „Wenn Du Deine Tabletten nimmst, bist Du ein guter Junge“ sollten vermieden werden.

Im Teenageralter werden Schamgefühle und Sorgen um das Äußere dann zunehmend stärker. Ängste, durch eine Operation bzw. die Krankheit verunschandelt zu werden, sollten hier berücksichtigt werden.

Für Kinder aller Altersstufen gilt, das sie unter spezifischen Ängsten leiden können, die auf mehr aber auch weniger rationalen Vorstellungen beruhen mögen, die, wenn erst einmal aufgedeckt, korrigiert werden können. Camden zitiert hier das Beispiel eines Mädchens, das sich zurückzog, als es den durch die Chemotherapie bedingten Haarausfall an sich entdeckte. In einem tieferen Gesprächen mit der jungen Patientin stellte sich heraus, dass sie den Haarausfall als Beweis für das krankheitsbedingte Ausfallen des Körpers, als Todeszeichen, interpretierte und von Ängsten vor dem Sterben ergriffen war. 

Kinder dazu anzuregen,  ihre Ängste und Angstgedanken auszudrücken, ist allerdings nicht einfach.  Erschwerend kommt noch hinzu, dass mit der Stärke einer Angst normalerweise die Fähigkeit, über sie zu sprechen, zurückgeht und zugleich die Diffusitität der zugrunde liegenden Vorstellungen steigt. Hilfreich, um den freien Ausdruck zu erleichtern, ist hier die Berücksichtigung einiger Prinzipien der Gesprächstherapie. Ihr Begründer, Carl Rogers, ging davon aus, dass eine wertschätzende – das heißt nicht wertende -, empathische, und echte (das heißt, sich nicht verstellende) Haltung eines Therapeuten notwendige und hinreichende Bedingung wären, um dem Klienten dazu anzuregen, seine Gefühle zu explorieren, sie durch diese Exploration zu integrieren und hierdurch Wachstumsblockaden zu lösen und als Person zu reifen. Zentrales Merkmal des therapeutischen Verhaltens soll Non-Direktivität sein: Das heißt, der Klient sollte sehr viel mehr Gesprächsanteile haben als der Therapeut. Durch Verzicht auf Bewertung der geäußerten Gefühle und durch Nachfragen über den emotionalen, nicht den äußerlichen Gehalt der Aussagen des Klienten versucht der Therapeut lediglich, dessen Exploration anzuregen. Auf Kinder angewendet heißt dies, dass man angedeutete Ängste von Kindern nicht durch tröstende Phrasen abtun sollte, z.B. „Es wird schon wieder“ und das Kind hierdurch indirekt für seine Ängste abwertet. Auch ist eine gewisse Selbstbeherrschung wichtig, um den Drang zur Expertenantwort und zum Geplapper zwecks Überbrückung jedes nicht-gesprochenen Moments zurückzuhalten. Das Prinzip sollte beherzigt werden, genauso viele Fragen zu stellen, wie man Antworten zu geben versucht. Fragen helfe nicht nur dabei, das Kind zu ermutigen, seine Gedanken und Gefühle auszudrücken. Sie erleichtern es auch dem Erwachsenen, mit konfrontierenden Fragen des Kindes umzugehen. Fragt dieses zum Beispiel: „Was ist der Tod?“ ist die beste Antwort die Rückfrage: „Wie stellst Du ihn Dir denn vor ?“.

Zusammenfassung

Kinder repräsentieren den Tod schon früher, als es durch die Konzepte von Piaget nahe gelegt wird. Die Bedeutung, die der Tod für Kinder haben kann, ist ausgeprägter, als Freud es annahm. Schon mit Alter um 10 Jahre entwickeln Kinder ein „erwachsenes Todeskonzept“, indem sie die Irreversibilität und Universalität des Todes anerkennen. Davor disponieren alterstypische Todeskonzepte sie zu jeweils alterstypischen Ängsten. Deren Berücksichtigung erleichtert Eltern und Angehörigen die altersangemessene Auseinandersetzung mit dem Kind über den Tod.  Indem Eltern und Angehörige eine fragende und nicht-wertende Haltung dem Kind gegenüber einnehmen, erleichtern sie ferner nicht nur sich selbst das Gespräch mit dem Kind – indem sie den Anspruch ablegen, Experten für unbeantwortbare Fragen zu sein, stattdessen eigenes Nicht-Wissen zugeben und dem Kind die Wahrheit sagen -;  sie helfen damit auch dem Kind, seine spezifischen Ängste im Gespräch besser ausdrücken und hierdurch bewältigen zu lernen.  

 

 

 

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