Kostenloser Besucherzähler

Elternverlust und Kindesentwicklung  

Artikelbild

Die Idee ist weit verbreitet, dass Kinder aufhören würden Kinder zu sein und zu gestörten Erwachsenen werden müssten, würden sie zu früh in den „dunklen Sumpf“ der Wahrheiten des Lebens aus Wollust, Gewalt, Krankheit und Tod geworfen. Norbert Elias prägte hierzu den Ausdruck der (notwendigen) „Verschwörung des Schweigens“ der Eltern ihren Kindern gegenüber.  Diese Gedanken führen manche Eltern dazu, ihren Kindern eine schlechte Diagnose, den bevorstehenden oder geschehnen Tod eines Elternteils vorzuenthalten, sie zu vertrösten, sie zu schonen, um „ihre Unschuld“ zu schützen und eine Entgleisung der Entwicklung zu verhindern.  Im folgenden soll nun gezeigt werden, dass die Auffassung einer gestörten Entwicklung infolge eines Elternverlusts fragwürdig ist: zunächst ist sie mit der Gefahr verbunden, dass eine Reihe wichtiger Variablen außer Acht gelassen werden, die beeinflussen, welche Entwicklungskonsequenzen der Verlust eines Elternteils hat. Zudem kann sie durch das  uneinheitlich und durch methodische Mängel geprägte empirische Befundbild nicht wirklich gestützt werden. Und  zuletzt sind Bemühungen, Kinder mit einer Illusion zu vertrösten grundsätzlich problematisch sind, da ihnen Unterschätzungen des kindlichen Wahrnehmungsvermögens zugrunde liegen. Bezugsquellen sind Campen (1997) und besonders Scheewind & Weiß (1998).

I Grundsätzliche Vorüberlegungen

In der Literatur wird Elternverlust weitgehend als das einscheidenste und tragischste Ereignis im Leben eines Kindes angesehen. Dieses zwinge zu Anpassungsleistungen, wie keine andere Erfahrung. Eine solch generelle Einordnung des Elternverlustes auf einer Skala von Life Events ist allerdings wenig hilfreich, wenn bestimmte Differenzierungen unberücksichtigt werden.  So geben Schweewind und Weiß (1998) zu bedenken:

dass zwischen kurz-, mittel- und langfristigen Auswirkungen zu differenzieren ist, die durch unterschiedliche Rahmenbedingungen jeweils unterschiedlich ausfallen können.

dass das Alter des Kindes zum Zeitpunkt des Todes des Elternteils zu berücksichtigen ist: In verschiedenen Altersphasen haben Kinder unterschiedliche interne Repräsentationen des Todes und mit diesen einhergehende typische Ängste,  von denen besonders die unmittelbaren Auswirkungen des Verlusts maßgeblich abhängen. So fehlt es z.B. jünger als 5 Jährigen Kindern am kognitiven Vermögen, die Irreversibilität des Todes einzusehen.

dass das Wort Verlustereignis zwar impliziert, dass es sich um klar umrissene Ereignisse handele, in Wirklichkeit die meisten Verluste aber Prozesscharakter haben. Der Angehörige verschwindet nicht von einem Moment auf den anderen, sondern zwischen  Diagnose, Tod und den vielfältigen Nachwirkungen gibt es verschiedene, potentiell ganz unterschiedlich verlaufende Prozessphasen. Ein extremes Beispiel, das den Prozesscharakter eines Verlusts illustriert, sind Koma- oder Alzheimerpatienten, bei denen für die Angehörigen die Grenzen zwischen Noch-Mit-ihm Sein und Ihn- schon- Verloren- Haben schwer bestimmbar sind.

dass Unterschiede in den Todesumständen und dem Ausmaß der Veränderungen zu berücksichtigen sind.

dass Unterschiede in der Kinderpersönlichkeit bedacht werden müssen: Kinder, denen es leicht fällt,  Hilfe anzunehmen und Gefühle zuzulassen, haben es in der Regel in der Anpassung an den Verlust leichter. 

dass die Beziehungen zwischen verstorbenen Elternteil und Kind entscheidend sind dafür, wie der Verlust verarbeitet wird.

dass die Reaktionen der sozialen Umgebung die Trauerbewältigung des Kindes maßgeblich beeinflussen. Man denke hier an diskriminierende oder unterstützende Lehrer.

dass ein Verlustereignis eines Teils des Familiensystems vielfältige Konsequenzen innerhalb dieses nach sich zieht und die Unterscheidung zwischen direkten und indirekten Konsequenzen des Verlusts (durch Veränderungen im Familiensystem) kaum möglich ist.

Empirische Befunde

Unmittelbare Auswirkungen

Als typische unmittelbare und mittelfristige Reaktionen werden von den meisten Autoren Wut, Schuldgefühle und Verleugnung und längerfristig Identifikation und Idealisierung genannt. Besonders jüngere Kinder neigen zu magisch-abergläubischem Denken und entwickeln oft die Fantasie, den Tod selbst herbeigeführt zu haben. Deshalb sind Schuldgefühle häufig. Als selten gelten hingegen unmittelbare stark ausgeprägte depressive Reaktionen. Am häufigsten werden die Reaktionen von Kindern als Verleugnung interpretiert, zu welcher sie durch die Grenzen ihres Abstraktionsvermögens disponiert seien: erst ab dem Alter von acht Jahren erfassen Kinder die Irreversibilität des Todes, jüngere Kinder begreifen ihn hingegen nicht selten als Schlaf oder Reise und bewahren sich die Hoffnung auf eine Rückkehr des Verstorbenen.  Auch wird die emotionale Sprunghaftigkeit von Kindern hervorgehoben, die nicht selten aus einem Zustand tiefer Niedergeschlagenheit scheinbar unvermittelt in “taktlose“ Heiterkeit überwechseln.

Konsequenzen des Verlusts eines Elternteils auf die Entwicklung

Zu den längerfristigen Folgen von Verlustereignissen auf die Entwicklung hat es eine Reihe empirischer Untersuchungen gegeben. In den meisten dieser Studien wurde es allerdings versäumt, differenzierender Variablen (siehe oben) zu berücksichtigen, so dass ein uneinheitliches Befundbild entsteht, welches auch aus methodologischer Sicht äußerst kritisch zu bewerten ist. 

So fanden einige Autoren bei von Elterntod betroffenen Kindern gehäuft ängstliche, zurückgezogene und depressive Verhaltensweisen. Die gleichen Autoren untersuchten auch Scheidungskinder, die eher durch ausagierendes und aggressives Verhalten auffielen. Diese Autoren unterließen es allerdings, differenzierende bzw. moderierende und vermittelnde Merkmale zu erheben, so dass die erweckte Suggestion eines kausalen Zusammenhangs zwischen Elternverlust und Entwicklungsverlauf aus methodischer Sicht nicht haltbar ist.

Andere Studien wiesen auf Schwierigkeiten in der Geschlechtsrollenidentifikation bei den Söhnen verstorbener Eltern. Auch Zusammenhänge zwischen Leistungs- und Anpassungsproblemen in der Schule und Vaterverlust konnten für Jungen aufgezeigt werden. Emotionale Probleme sind hingegen mit Muttertod in Verbindung gebracht worden. Auch hier handelt es sich aber um korrelative Untersuchungen, in denen eine Vielzahl von potentiell intervenierenden Variablen außer Acht gelassen wurde.

In der Literatur sind bestimmte von Kindern und Jugendlichen nach einem Elternverlust häufig gezeigte Verhaltens-Merkmale – ein scheinbar unkindliches, rational wirkendes Auftreten, etc. - als Pseudoreife bezeichnet worden: Gerade dieser Befund demonstriert aber die Schwierigkeit, gefundene Merkmale kausal und unvermittelt auf den Verlust zurückzuführen. Eine familientherapeutische Perspektive legt vielmehr die Interpretation nahe, dass das Kind äußerlich erwachsen wirkende Verhaltenszüge annimmt, um die Aufgaben des nun fehlenden Mitgliedes zu übernehmen.

Andere Autoren bezogen sich auf das Beziehungsverhalten von Erwachsenen, die in der Kindheit einen Elternverlust hingenommen hatten. Auch sie demonstrierten große interindividuelle Unterschiede in den Konsequenzen von Elterntod. Zwei Muster destillierten sie aus ihren Ergebnissen: Ein frühes Eingehen intimer Beziehungen und ein Vermeiden von Intimität. Das erstere Muster fand sich auch bei Kindern besonders häufig, die nach der Scheidung ihrer Eltern, den Kontakt zu einem Elternteil verloren hatten.

Einen aufsehen erregenden Befund lieferte Eisenstadt. Eisenstadt untersuchte retrospektiv die Lebensgeschichte von Personen, die aufgrund bestimmter herausragender (nicht im moralischen Sinne) Fähigkeiten in die Geschichte eingingen und fand, dass 25 % bis zum Alter von 10 Jahren einen Elternteil verloren hatten, bis zum Alter von 15 Jahren sogar 34.5 %. Eisenstedts Befund weist nochmals auf die Schwierigkeit, einheitliche Konsequenzmuster von Verlusterfahrungen aufzuzeigen und zu erklären.

Konklusion

Zwar zeigen empirische Studien gewisse überdurchschnittlich auftretende Verhaltensabweichungen in Folge von Elternverlust: die deutliche Heterogenität der empirischen Befundlage spricht aber gegen die verbreitete Vorstellung einer notwendig negativ verlaufenden Persönlichkeitsentwicklung von Menschen, die in der Kindheit einen Elternverlust erleiden mussten. Wie ein Elternverlust verarbeitet wird, hängt vielmehr von einer Vielzahl interagierender Faktoren ab, darunter fixe, wie das Alter des Kindes zum Zeitpunkt des Verlustes und variable beeinflussbare wie das Bewältigungsverhalten des verbleibenden Elternteils bzw. des Gesamtsystems.  Dass viele Studien durch Vernachlässigung der Berücksichtigung von intervenierenden Faktoren und deren Zusammenspiel einen Kausalzusammenhang zwischen erlittenen Verlusterfahrungen und bestimmten Entwicklungsmerkmalen suggerieren ist zu bedauern. Hierdurch können Ängste von Angehörigen verstärkt werden, die diese dazu veranlassen können, das Kind zu vertrösten und das offene Gespräch mit ihnen zu vermeiden, sie zu isolieren und in ihren Ängsten alleine zu lassen. Dass Bemühungen, Kinder zu schonen und sie in einer Illusion zu wiegen, auch deshalb problematisch sind, weil sie auf einer Unterschätzung kindlichen Wahrnehmungsvermögens beruhen, soll im folgenden gezeigt werden. Ich werde hierzu zwei Studien an schwerkranken Kindern skizzieren. Die erste, 1974 von Waechter durchgeführt, demonstriert eindrücklich, wie akkurat Kinder ihre eigene Situation einschätzen. Sie zeigt ferner, wie problematisch es ist, Ängste von Kindern unausgesprochen zu lassen. Die zweite, von Spinetta, Rigler und Karon (1974), unterstreicht nochmals das ausgeprägte Wahrnehmungsvermögen von Kindern und weist darauf hin, wie problematisch es ist, Kinder zu isolieren mit ihren Ängste allein zu lassen. Weiter->



 



Startseite 

Komplementäre Psychotherapie: Einfluss auf das Überleben ? 

Schmerzen

Was ist das Besondere an einem Arzt-Patientengespräch?

Ratschläge für die Gestaltung eines Arzt-Patientengesprächs

Ein Selbsthilfekurs, um das Rauchen aufzugeben

Wie stellen sich  Kinder den Tod vor?

Elternverlust und Kindesentwicklung

Der Mythos der Krebspersönlichkeit

Rezensionen von Büchern über Krebs und Bewältigung

Gespräche über Erfahrungen in der psychoonkologischen Tätigkeit mit Tumorpatienten:

Interview mit Diplompsychologin Elke Reinert

Interview mit Diplomheilpädagogin Anna Hupe über die Arbeit mit trauernden Kindern