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Ratschläge zur Vorbereitung eines Arztgesprächs  

1. Arbeitsteilung

Für viele Partner bzw. Angehörige mag es selbstverständlich sein, dass ihre Rolle darin besteht, den anderen in einem wichtigen Arztgespräch zu begleiten und „moralisch“ zu unterstützen. Manchmal versäumen es Patient und Begleiter jedoch, die über moralische Unterstützung hinausgehenden potentiellen Funktionen des begleitenden Partners zu erkennen. Für die meisten Patienten ist es kaum möglich, jede der in zumeist Medizinerdeutsch dargebotenen Informationen aufzunehmen: Sie schlucken die Informationen dann, wissen nach dem Gespräch nur einiges Diffuses und fühlen sich zudem hilfloser.  Es kann deshalb eine unermessliche Hilfe sein, wenn Paare sich die Arbeit während eines Arztgespräches teilen. Dem Begleiter kann zum Beispiel die Funktion zugewiesen werden, Notizen während des Arztgespräches zu machen und vorher vereinbarte Fragen an den Arzt zu stellen. Um zu verhindern, dass Nicht-Verstandenes geschluckt wird, kann dem Begleiter die Rolle zugewiesen werden, bei jeder Unklarheit nachzufragen. Falls der Patient Hemmungen haben sollte nachzufragen, können beide auch ein Signal vereinbaren (zum Beispiel räuspern des Patienten), das den Begleiter auffordert, den Arzt um eine tiefere Explikation oder Wiederholung einer gemachten Aussage zu bitten.

Gedächtnisstützen

Die zeitliche Begrenztheit, die Verwendung schwer verständlicher Fachtermini durch den Arzt und die wahrscheinlich bereits hohe Beanspruchung des Patienten sind alles Bedingungen, die es dem Patienten erschweren, die vom Arzt dargebotenen Informationen aufzunehmen und abzuspeichern. Die Außeralltäglichkeit des Arzt-Patienten Gespräches kann dazu führen, dass Patienten und Angehörige nahe liegende und in anderen Situationen von ihnen selbstverständlich eingesetzte Strategien der Gedächtnisstützung und Gesprächsstrukturierung vergessen. Hierzu gehören:

-   die schriftliche Notierung der Fragen und Anmerkungen, die man dem Arzt gegenüber zu äußern sich vorgenommen hat.

-   Die schriftliche Notierung der vom Arzt vermittelten Informationen. Im Idealfall sollte diese Aufgabe vom Begleiter wahrgenommen werden. Diese Notizen sollten kurz nach dem Gespräch noch einmal gesichtet werden, da sonst die Gefahr besteht, später die genaue Bedeutung von stichwortartig notierten Informationen nicht mehr rekonstruieren zu können. Wenn nicht während des Gespräches Notizen gemacht worden sind, sollten Patienten bzw. Angehörige aufgrund der dann noch vorhandenen Frische der Gedächtnisspuren unmittelbar nach dem Gespräch die relevanten Informationen und mögliche unbeantworteten Fragen schriftlich zusammenfassen.

-   Patienten bzw. Begleiter sollten bei nicht verstandenen Bemerkungen des Arztes unmittelbar nachfragen. Jeder Verzicht auf Nachfragen und jedes fügsame Schlucken von Nicht-Verstandenem erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient im weiteren Verlauf einer passiven, resigniert-fügsamen Haltung verbunden mit Hilflosigkeitsgefühlen verfällt.

-   Patienten und Begleiter sollten sich nicht scheuen, den Arzt am Ende des Gespräches noch einmal um eine Zusammenfassung des Gesagten zu bitten.   

2. Übung des Arztgespräches

Die Idee, das Gespräch mit einem Arzt in einem Rollenspiel zu proben, mag vielen übertrieben und absurd erscheinen oder kann aufgrund des Zustandes des Patienten abwegig sein. Auch Angehörige mögen sich zieren, einen Arzt zu spielen. Trotzdem kann es nützlich sein, sich in einem Rollenspiel auf ein Arztgespräch vorzubereiten und ein vorher klar festgelegtes Ziel zu erreichen. Das Ziel kann so simpel sein, wie das Stellen der Frage an den Arzt, ob man das Gespräch mit einem Aufnahmegerät aufzeichnen kann. Auch ein kurzes geistiges Proben des Gespräches ohne den Einbezug eines anderen kann dem Patienten helfen, Ängste zu mildern. Viele Menschen unterschätzen häufig, wie schnell ein zuvor gescheutes und vermiedenes Verhalten durch einige geprobte Durchführungen als selbstverständlich internalisiert werden kann.  

3. Reflexion der Rollenbeziehungen

Für viele Patienten ist es eine unermessliche Hilfe, vom Partner oder Angehörigen in ein Arztgespräch begleitet zu werden. Manche Patienten lassen sich von einer Vielzahl von Angehörigen zu Behandlungen und auf Arztgespräche begleiten. Die Vorteile, die in einer Begleitung durch die Nächsten liegen, sind leicht ersichtlich: Sie können Scheu, Angst oder Einsamkeitsgefühle des Patienten reduzieren. Sie können sein Vertrauen stärken. Zusätzlich können die Begleiter bestimmte Aufgaben übernehmen (siehe oben). Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass der Begleiter / die Begleiter zugleich mit dem Patienten aufgeklärt werden. Hierdurch wird dem diffusen Spekulationswirrwarr vorgebeugt, das unter schlecht informierten Angehörigen von Krebskranken häufig aufzutreten pflegt.

Patienten sollten sich aber auch bewusst sein, dass innerhalb aller sozialen Beziehungen bestimmte Rollenerwartungen mit impliziten Verhaltensnormen herrschen. Durch die Anwesenheit des Partners oder von Angehörigen werden diese Rollenerwartungen und Verhaltensnormen aktiviert. Dies kann in manchen Fällen hinderlich für ein Arztgespräch sein. Vorstellbar ist zum Beispiel der Fall einer Patientin, die in Begleitung ihres Mannes in Begegnungen mit Fremden eine passive Rolle einzunehmen pflegt, während ihr Mann dann die Rolle des dominierenden Kommunikators zu übernehmen gewohnt ist. Die Anwesenheit ihres Mannes mag die Patienten im Arztgespräch daran hindern, sich dem Arzt gegenüber offen mitzuteilen. Umgekehrt ist der Fall eines Patienten vorstellbar, der die Rolle des starken Mannes, des Felsens in der Brandung gegenüber seiner Frau zu vertreten gewohnt ist. Die Anwesenheit seiner Ehefrau mag es diesem Patienten erschweren, dem Arzt seine Schmerzen und Sorgen mitzuteilen.

Patienten sollten sich also die Möglichkeiten und Risiken, die in der Begleitung im Arztgespräch liegen, bewusst machen. Es mag wie eine Phrase klingen: Da es um das eigene Leben geht, sollten Patienten ihrem eigenen Wohl Priorität einräumen und die Hilfsbereitschaft und Verständigkeit ihrer Nächsten nicht unterschätzen.

Wenn Patienten einen Arzt kennen, kann es hilfreich und vertrauensspendend sein, wenn sie von diesem begleitet werden. Oftmals sind Hausärzte dazu bereit, Patienten auf wichtige Befundgespräche zu begleiten. 

4. Terminierung des Gespräches

Patienten können sich den Ort eines Arztgespräches in der Regel nicht aussuchen. Eine gewisse Entscheidungsfreiheit über den Zeitpunkt ist ihnen aber meistens gelassen. Diese Entscheidungsfreiheit sollten sich Patienten bewusst machen  und sie nutzen. Von einigen Autoren wird empfohlen, Termine grundsätzlich auf den Vormittag zu legen, wenn kognitive Ressourcen noch verfügbar sind und die im Verlaufe eines Tages zunehmende Erschöpfung noch nicht eingetreten ist.  

5. Mehr als Informationsrezeption

Ich habe diese praktischen Anregungen an den Patienten mit der Darstellung von drei Experimenten eingeleitet. Mir ging es dabei darum, von Anfang an zu demonstrieren, dass es in der Begegnung mit dem Arzt um mehr geht als den „offiziellen Anlass“: die Mitteilung einer Diagnose, die Ausarbeitung eines Behandlungsplanes, die Einstellung der Medikation, etc. Vielmehr geht es in der Arzt-Patient-Begegnung auch darum, ob Hilflosigkeitsgefühle des Patienten gemehrt werden oder umgekehrt Selbstwirksamkeitsempfindungen gestärkt werden. Durch strukturellen Charakteristika des Arzt-Patient-Kontaktes – die Zeitknappheit, die gänzlich verschiedene Situation zwischen Arzt und Patient, das in der Regel nur vom Arzte beherrschte medizinische Fachvokabular, etc. – kann der Patient sich leicht in die Rolle des passiven, zunehmend verstörten und hilflosen bloßen Empfängers (unvorhersehbarer (schlechter) Nachrichten) drängen lassen. Die genannten Methoden können deshalb nicht nur helfen, die jeweils nahe liegende Funktion (besseres Erinnern an Aussagen des Arztes, etc.) zu erfüllen, sondern sie helfen, um dieser denkbar schlechten Entwicklung in Richtung gelernter Hilflosigkeit vorzubeugen und stattdessen Handlungsvertrauen und Selbstwirksamkeit zu gewinnen.

6. Das Prinzip, Fragen zu stellen   

 Das Prinzip, Fragen zu stellen, ist so einfach, dass seine Effekte häufig unterschätzt werden. Mögliche Effekte können sein:

Information: Hinter jeder Antwort steht eine Frage. Fragen zu stellen ist das naheliegenste Mittel, um Informationen zu gewinnen, Wissen zu mehren. Entscheidungsfreiheit ist die Voraussetzung von Selbstwirksamkeitserfahrungen, deren Bedeutung Seligman so eindrucksvoll demonstriert hat. Entscheidungsfreiheit im medizinischen Kontext wird erweitert durch Wissen. 

Partizipation: Indem der Patient aktiv wird und am Prozess partizipiert, reduziert er die Gefahr von Hilflosigkeitsgefühlen und macht Selbstwirksamkeitserfahrungen.

Katharsis und Korrektur von Angstgedanken: Die klassische Psychoanalyse und in abgeänderter Form auch die Rogersche Gesprächstheorie konzentrieren die Therapie darauf, den freien Ausdruck von (verdrängten) Ängsten zu befördern.  Es wird angenommen, dass die Erfahrung, seine Ängste auszudrücken, deren Intensität reduziert, Integration ermöglicht und das Gefühl stärkt, wieder Herr im eigenen Haus zu werden. Wenngleich das Konzept der Katharsis von kognitiv-orientierten Autoren relativiert wird, liegt auf der Hand, dass nur die Artikulation bestimmter (irrationaler) Angstgedanken deren Korrektur ermöglicht: Hingegen tendiert das, was nicht ausgesprochen wird, dazu, eine Eigendynamik zu gewinnen und in panikähnlichen Angstsackgassen zu enden.  

Steuerung sozialer Interaktion: Fragestellen ist ein Mittel zur Steuerung sozialer Interaktion, weshalb in der klassischen non-direkten Gesprächstherapie Therapeuten angewiesen sind, Fragen als Technik nur äußerst zurückhaltend einzusetzen. Der Patient hingegen, der Fragen stellt, erlangt hierdurch ein Gefühl sozialer Kontrolle und reduziert Hilflosigkeitsempfindungen.

Fragen als Bitten um Gefallen und Mittel zur Verbesserung soziale Beziehungen: Ein Patient, der seinen Arzt eine Frage stellt, bittet diesen in gewisser Hinsicht um den Gefallen, dass dieser ihm eine Antwort gebe. Eine Vielzahl sozialpsychologischer Untersuchungen hat eindrucksvoll zeigen können, dass es eines der effektivsten Mittel zur Verbesserung sozialer Beziehungen ist, einen anderen um einen Gefallen zu bitten. Hierdurch werden die Gefühle dem anderen gegenüber und umgekehrt einem gegenüber positiv beeinflusst. Erklärung ist die sogenannte soziale Dissonanztheorie: Bitte und vor allem Ausführung der Bitte bedeuten Aufwand. Der Mensch hat ein Streben nach Selbstrechtfertigung. Den Aufwand, jemandem einen Gefallen getan zu haben, neigt er, sich dadurch zu rechtfertigen, dass er meint, den anderen zu mögen: er steigert seine Sympathie für den anderen.

Diese Effekte illustrieren die häufig unterschätzte Bedeutung, sich zu artikulieren und dem anderen gegenüber eine Frage zu stellen. Fast jeder Patient hat die Erfahrung gemacht, nach einem Arztgespräch das Gefühl zu haben, nicht ausreichend Antwort bekommen zu haben, leer da zustehen: Das Problem ist oftmals, dass der Patient Fragen nicht gestelllt hat, weil er sie vergessen hat, oder weil der sie sich zu stellen nicht getraut hat.

 

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