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Bipolare Störungen  

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Fallbeispiel

Hannah, 26 Jahre alt, hat seit ihrer frühen Jugend immer wieder Zeiten, in denen sie sich von ihren Freundinnen zurückzieht, kaum etwas unternimmt und ihr Leben als wenig sinnvoll erlebt. Für diese grauen Phasen gab es bisher immer einen klaren Grund, sei es Ärger mit den Eltern, Probleme in der Schule oder Liebeskummer. Diese für Wochen oder wenige Monate andauernden Episoden gedrückter Stimmung klingen stets wieder vollständig ab. Danach ist Hannah sehr erleichtert, wieder fröhlich und sehr unternehmungsfreudig. Auf Anfrage geben der Partner, wie auch die Eltern, an, dass Hannah in dieser Zeit der Hochstimmung überdreht wirkt und überaktiv, gar nicht wirklich sie selber sei. Die Diagnose einer manisch-depressiven (bipolaren) Erkrankung wird erst gestellt, als sie im Rahmen eines Praktikums ihrer Berufsbildung unregelmässig zur Arbeit kommt, ohne sich zu entschuldigen, schliesslich ganz der Arbeit fernbleibt, gar kein Schlafbedürfnis mehr hat, die Nächte durchmacht und letztendlich wegen ihres überaktiven und gereizten Verhaltens gegen ihren Willen in eine Klinik eingewiesen wird. Dort wird sie mit stimmungsstabilisierenden Medikamenten ("Mood Stabilizern") behandelt. Auch nach dem Klinikaufenthalt nimmt sie diese weiter regelmässig ein und wird zusätzlich mit Psychotherapie behandelt. Über viele Jahre bleibt Hannah psychisch stabil und kann ihre Berufsbildung erfolgreich abschliessen.

Einleitung

Die manisch-depressive Erkrankung - auch bipolare Störung genannt - ist eine oft schon in der Jugend beginnende, meist lebenslange psychische Störung, die durch wiederkehrende Krankheitsphasen gekennzeichnet ist. Sie ist durch anhaltende Hochs und Tiefs in der Stimmung charakterisiert und oft durch andere Erkrankungen verkompliziert. Sie verursacht viel Leid, hat negative soziale Folgen und verkürzt - unbehandelt - die Lebenserwartung.

Die Möglichkeiten zur medikamentösen Therapie und insbesondere zur vorbeugenden Behandlung sind vielfältig und wurden in den letzten Jahren erfolgreich erweitert. Eine Rezidivprophylaxe mittels verschiedener stimmungsstabilisierender Medikamente eröffnet bessere Chancen, die Krankheit in den Griff zu bekommen. Trotz der guten Wirksamkeit solcher Medikamente kommt es bei vielen Betroffenen immer wiederv zu manischen und depressiven Rezidiven (Rückfällen). Um langjährige psychische Stabilität zu erzielen, sind zusätzlich zur medikamentösen Behandlung intensive Aufklärung (Psychoedukation) und Mitarbeit der Betroffenen und deren Angehörigen sehr wichtig.

Das Beschwerdebild

Das im Vordergrund stehende Krankheitszeichen bei affektiven Störungen ist die Verstimmung, eine anhaltende, deutlich über das Ausmass gesunder Stimmungsschwankungen  hinausgehende Veränderung der Grundstimmung. Diese kann in zwei verschiedene "Richtungen" verändert sein, nach "unten", herabgestimmt (depressiv, melancholisch) oder  nach "oben" (manisch, hochgestimmt).

Das depressive Syndrom

Das Leitsymptom des depressiven Syndroms ist die depressive Verstimmung. Die Stimmung ist "gedrückt", "herabgestimmt". Die Betroffenen beklagen oft, dass sie "gar keine Gefühle mehr haben", weder Trauer noch Freude empfinden können. Dieses Gefühl der Gefühllosigkeit wird als besonders quälend erlebt. Oft wird auch eine innere Leere beschrieben, die Betroffenen fühlen sich "abgestorben", "wie tot", "vertrocknet". Sie sind verzweifelt, hoffnungslos, können sich nicht vorstellen, dass es jemals wieder besser wird.

Ein besonders gefährliches Symptom vieler depressiver Erkrankter  sind Gedanken an den Tod. Es kann sich um passive Todeswünsche handeln, aber auch um sehr konkrete Selbstmordabsichten und -pläne.

Das manische Syndrom

Das Leitsymptom der Manie ist die gehobene Stimmungslage, die manische Verstimmung, die der Situation nicht angemessen oder gar völlig unpassend ist. Diese gehobene Stimmung kann sich rasch in Gereiztheit umschlagen, die manchmal ganz im Vordergrund steht.

Im Rahmen des manischen Syndroms können Betroffene ihre finanzielle und berufliche Existenz durch ihr unangemessenes Verhalten ernsthaft gefährden. Selbst ihr Leben ist bedroht, wenn sie Gefahrensituationen nicht richtig einschätzen. Darüber hinaus kann es durch die Reizbarkeit und Aggressivität zur Gefährdung anderer Personen kommen.

Hypomanie

Von einer Hypomanie spricht man, wenn die Symptome der Manie in leichterer Form auftreten. Die Beeinträchtigungen sind weniger stark ausgeprägt als in der Manie, und der Realitätsbezug ist bei Betroffenen mit einer Hypomanie noch vorhanden.

Eine Hypomanie kann auch der Beginn einer schweren manischen Phase sein, in welcher der Betroffene sich selbst, seine finanziellen Verhältnisse und sozialen Beziehungen sowie seine Umgebung gravierend gefährdet.

Verlauf

Affektive Störungen verlaufen episodisch, in Störungs-"Phasen", die vorübergehen.

Da der Affekt in zwei verschiedenen Richtungen krankhaft verändert sein kann, die Störung also zwei Pole hat, können affektive Störungen unipolar oder bipolar verlaufen.

Ursachen

Denkbare Ursachen psychischer Störungen können vier verschiedenen Bereichen entstammen, die menschliches Erleben, Denken und Handeln beeinflussen. Es handelt sich um:

  • organische Faktoren
  • biologische Faktoren
  • psychische Faktoren
  • soziale faktoren

Organische  Faktoren

Treten psychische Veränderungen im zeitlichen Zusammenhang mit organischen Krankheiten oder durch Drogenkonsum auf und klingen sie nach deren Beseitigung wieder ab, so liegt ein ursächlicher Zusammenhang zwischen der Schädigung der psychischen Veränderung nahe.

Biologische Faktoren

Es gibt also einen genetischen Faktor, eine gewisse erbliche Belastung. Das Risiko, als Verwandter eines Betroffenen selbst eine affektive Störung zu bekommen, steigt mit dem Vervandtschaftsgrad: Verwandte ersten Grades werden mit einer Wahrscheinlichekeit zwischen 10 und 20 % selbst krank. Wenn von eineiigen Zwillingen ein Zwilling erkrankt, so liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch der zweite erkrankt, bei ca. zwei Dritteln. Diese Zahlen zeigen, dass der genetische Faktor wichtig ist, aber nicht allein für das Auftreten der Störung verantwortlich gemacht werden kann. Selbt nahe Verwandte von Leidenden haben eine sehr viel grössere Wahrscheinlichkeit (ca. 80-90 %) gesund zu bleiben, als krank zu werden.

Psychische Faktoren

Aus psychoanalytischer Sicht

Alle Einflüsse, denen der Mensch ausgesetzt ist,  hinterlassen ihre Spuren in der Psyche. Diese Spuren sind dem Betreffenden selbst zum grössten Teil nicht bewusst und nur im Rahmen einer langfristigen Behandlung zugänglich. Sie prägen die Persönlichkeit eines Menschen und bestimmen seinen Umgang mit sich selbst und mit seiner Umgebung. Wenn nun einzelne dieser Erlebnisspuren und die daraus abgeleiteten Erwartungen und Bedürfnisse nicht miteinander in Einklang zu bringen sind, entsteht ein intrapsychischer Konflikt. Dieser führt zu einer bestimmten Symptomatik, der psychischen Störung, die als misslungener Lösungsversuch des Konfliktes verstanden wird.

Aus lerntheoretischer/verhaltenstherapeutischer Sicht

Die Lerntheorie bzw. Verhaltenstherapie geht davon aus, dass unser Verhalten weitgehend von unseren Lebenserfahrungen bestimmt ist. Die Theorie konzentriert sich auf die individuellen Veränderungen des Verhaltens als Reaktion auf die Umwelt. Der Grossteil der gelernten Verhaltensweisen ist konstruktiv und sinnvoll, sie helfen dem Menschen, die alltäglichen Aufgaben zu erfüllen und ein zufriedenes Leben zu führen. Es können aber auch ungünstige Verhaltensweisen gelernt  werden. Diese führen im Extremfall zu einer psychischen Störung.

Soziale Faktoren

Jedes Verhalten und Erleben eines Menschen ist nur im Rahmen seines Zusammenlebens mit anderen Menschen verstehbar. Jedes Individuum ist Teil verschiedener sozialer Systeme. Jede Veränderung in einem dieser sozialen Systeme hat mehr oder weniger ausgeprägte Auswirkungen auf den Einzelnen.

Ein sehr wichtiger Faktor für das Erkrankungsrisiko scheint in diesem Zusammenhang die Verfügbarkeit sozialer Unterstützung zu sein. So scheinen Personen, die isoliert sind und keine engen Beziehungen haben, ein höheres Risiko zu haben, bei Belastungen mit Störungen zu reagieren, als Personen, die in einem gut funktionierenden sozialen System integriert sind. 

Soziale Folgen

Bei bipolaren Störungen können die sozialen Folgen sehr gravierend sein. Auf der einen Seite stehen die depressiven Phasen, in denen sich die Betroffenen von Freunden und Familie zurückziehen und ihren beruflichen Aufgaben nicht mehr gewachsen sind. Auf der anderen Seite stehen die Betroffenen nach einer stark ausgeprägten manischen Phase häufig vor einem grossen Scherbenhaufen, der auch nach Abklingen der akuten Krankheitsphase bestehen bleibt: Oft schämen sich die Leidenden im Nachhinein für ihr Verhalten in der Manie. Daneben ergeben sich teilweise schwer wiegende finanzielle und berufliche Schwierigkeiten, aber auch die Kontakte zu den Freunden und Bekannten und vor allem die Beziehungen innerhalb der eigenen Familie können durch das Verhalten in einer solchen Störungsphase schwer beeinträchtigt werden. 

Gerade auch unter diesen Aspekten ist eine Vorbeugung erneuter Krankheitsphasen wichtig. Die Notwendigkeit und der mögliche Nutzen einer konsequenten rezidivprophylaktischen Behandlung werden hier offensichtlich.

Behandlungsmöglichkeiten

Behandlung der bipolaren Störungen erfolgt symptomorientiert. Das heisst, sie richtet sich nicht nach der gestellten Diagnose, sondern vor allem nach dem klinischen Beschwerdebild.

Es gibt drei Stadien der affektiven Störungen:

  • Akutbehandlung (dauert Wochen bis Monate),
  • Erhaltungstherapie (dauert Monate) und
  • Rezidivprophylaxe  (dauert Jahre).

Während die Akutbehandlung und die Erhaltungstherapie zum Ziel haben, die aktuellen Symptome zu behandeln und für den Leidenden Beschwerdefreiheit zu erreichen und aufrechtzuerhalten, soll mit einer Rezidivprophylaxe das Auftreten neuer Erkrankungsphasen verhindert werden.

Häufig wird bei der Behandlung depressiver Episoden im Rahmen einer bipolaren Störung Antidepressiva und neuerdings auch gewisse Neuroleptika verabreicht. Neben Medikamenten aus der Gruppe der Antidepressiva kommen auch so genannte Stimmungsstabilisatoren zum Einsatz. Stimmungsstabilisatoren sind Medikamente, die gegen manische oder gegen depressive Zustände wirksam sind, ohne eine Episode des jeweils anderen Pols auszulösen. Ausserdem sollen sie zukünftige Krankheitsepisoden vorbeugen.

Die Behandlung der akuten Manie gestaltet sich häufig schwierig, da vielen Leidenden die Einsicht in die Erkrankung fehlt. Daher ist bei einer schweren Manie eine stationäre Aufnahme ein entscheidender Schritt in der Behandlung.

Von Rezidivprophylaxe spricht man auch dann, wenn eine medikamentöse Behandlung gemeint ist.

An psychotherapuetischen Behandlungsverfahren haben sich für die Behandlung der bipolaren Störung die interpersonelle und soziale Rhythmustherapie, die familienfokussierte Therapie sowie speziell zur Behandlung der Depression die kognitive Verhaltenstherapie als wirksam erwiesen. Psychoedukation wird in allen drei Therapieansätzen als wichtiger Therapiebaustein angesehen.

Eine Psychotherapie kann die medikamentöse Behandlung einer bipolaren Erkrankung nicht ersetzen, sondern stellt eine sinvolle Ergänzung zur rein biologischen Therapie dar.

Einige nützliche Tipps

Regelmässige Einnahme der Medikamente

Eine regelmässige Einnahme der Medikamente ist sehr wichtig, um eine stabile Stimmungslage zu erreichen. Es kann dabei hilfreich sein, mit bestimmten Strategien ein Vergesen der Einnahme zu verhindern.

Frühzeitige Behandlung

Es ist sehr wichtig, die Erkrankung möglichst früh  zu behandeln. Das heisst, dass sich Leidende, bei denen die Diagnose bisher noch nicht festgestellt wurde, die aber Symptome der bipolaren Erkrankung aufweisen, möglichst frühzeitig untersuchen lassen sollten. Leidende, bei denen die Diagnose bereits gestellt wurde, sollten im Fall eines Wiederauftretens manischer oder depressiver Symptome nicht zu lange warten, bis sie den Arzt aufsuchen. Je früher die Erkrankung adäquat behandelt werden kann, umso wahrscheinlicher ist eine rasche, vollständige und anhaltende Genesung zwischen den Krankheitsphasen.

Regelmässiger Lebensrhythmus

Es gibt viele Hinweise darauf, dass sich ein unregelmässiger Lebensrhythmus, insbesondere Schlaf-Wach-Rhythmus, ungünstig auf den Verlauf der manisch-depressiven Erkrankung auswirkt. Regelmässige Schlaf- und Wachzeiten und ein geregelter Tagesablauf sind daher sehr wichtig.

Sport

Sport ist unter Behandlung mit Stimmungsstabilisatoren wünschenswert, da körperliche Betätigung stimmungsstabilsierend wirken kann. Dabei sollte auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet werden.

Ernährung

Eine ausgewogene Ernährung ist im Zusammenhang mit der manisch-depressiven Erkrankung wichtig, da einige der eingesetzten Medikamente mit einer Gewichtszunahme verbunden sein können und die Gefahr der Entwicklung eines metabolischen Syndroms (gekennzeichnet durch einen grossen Bauchumfang, erhöhten Blutdruck, eine Erhöhung des Blutzuckers sowie ein ungünstiges Profil der Blutwerte) besteht.

Absprache mit den Angehörigen

Ein grosses Problem bei der Behandlung von manisch-depressiven Erkrankungen stellt die oft fehlende Einsicht der Krankheit der Leidenden in der akuten Manie dar. Oft fühlen sich die Angehörigen hilflos, weil sich der Betroffene gegen eine Behandlung wehrt und sie vor einer Benachrichtigung des Arztes gegen den Willen des Leidenden zurückschrecken. Häufig fühlen sich die Angehörigen zu Beginn einer neuen Krankheitsphase auch unsicher, ob eine Behandlung notwendig ist. Hier kann es hilfreich sein, wenn der Leidende in gesunden Zeiten mit seinen Angehörigen eine Vereinbarung trifft, wie diese sich verhalten sollten, wenn sie Anzeichen einer neuen Krankheitsepisode erkennen. 

Selbsthilfegruppe für Betroffene

Für Betroffene, die sich im Laufe ihrer Erkrankung immer mehr zurückgezogen haben und nur noch wenige Kontakte unterhalten, bietet der Anschluss an eine Selbsthilfegruppe eine gute Möglichkeit, wieder auf andere Menschen zuzugehen und neue Bekanntschaften zu knüpfen. In einer Selbsthilfegruppe erleben die Leidenden, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine sind, und es fällt ihnen leichter, über ihre Störung zu reden. Hier finden sie Verständnis, sie können Erfahrungen austauschen und sich in Krisensituationen gegenseitig unterstützen.

Selbsthilfegruppe für Angehörige

Die psychische Störung eines Familienmitglieds stellt auch für den wohlwollendsten und bestinformierten Angehörigen eine enorme Belastung dar. Dies zeigt sich in verschiedenen Formen. Es kann eine grosse Hilfe sein, sich einer Angehörigenselbsthilfegruppe anzuschliessen und dadurch Kontakt zu anderen Mitbetroffenen zu finden. Der gegenseitige Erfahrungsaustausch und das Gefühl, mit seinen Problemen nicht allein zu sein, können eine entscheidende Entlastung bringen.

Quellenangaben

Greil, W. & Giersch, D.. (2006). Stimmungsstabilisierende Therapien bei manisch-depressiven (bipolaren) Erkrankungen. Ein Fachbuch für Betroffene, Angehörige und Therapeuten. Stuttgart: Georg Thieme Verlag

http://www.youtube.com/watch?v=jmNEUGEXv68

http://www.bipolar=forum.de

http://www.medunigaz.at/psychiatrie/bipolar2

Autorin:

Gülnihal Jurasin