Historische Entwicklung
Lange Zeit wurde Autismus missverstanden. Man verurteilte sehr oft das Erziehungsverhalten der Eltern als Ursache der Störung. Emotional kalte Mütter bzw. Väter wurden als Auslöser von autistischen Störungsbildern verantwortlich gemacht. Aus diesem Zusammenhang stammt der Begriff "Kühlschrankmütter". Autisten wurden damals einfach mit Medikamenten in Heimen still gestellt.
Der nachstehende Dokumentarfilm über das autistische Mädchen Sabine illustriert dies eindrücklich. Wir sehen dort ein hübsches, glückliches, lächelndes, intelligentes und kreatives Mädchen, das nach 5 Jahren psychiatrischer Anstalt ganz verändert zum Leben zurückkehrt:
„Je m’appelle Sabine“ von Sandrine Bonnaire
Je M'appelle Sabine
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1799 untersuchte und studierte der bekannte französische Arzt Jean Itard einen verwilderten Jungen, der im Wald gefunden worden war- seine Berichte lassen vermuten, dass der Junge autistische Verhaltensweisen zeigte.
1911 formulierte der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler eine erste Definition des Autismus: "Autismus ist ein Grundsymptom der Schizophrenie, das durch folgendes Verhalten gekennzeichnet ist: sich in eine gedankliche Binnenwelt zurückzuziehen, zunehmend weniger Kontakt mit Mitmenschen aufrechtzuerhalten, sich traumhaft-phantastischen Gedanken in sich gekehrt und umwelt-abgewandt hinzugeben.". Später erkannte man aber, dass autistische Kinder sich nicht aktiv in eine Phantasiewelt zurückziehen, sondern primär (von Geburt an) unfähig oder eingeschränkt fähig sind, soziale Kontakte zu entwickeln. Dadurch trifft Bleulers Bezeichnung nicht ganz auf autistische Menschen zu. Trotzdem ist bis heute Autismus immer noch ein Teil des schizophrenen Krankheitsbildes geblieben. In Fällen bei denen Schizophrenien ausgesprochen ungünstig verlaufen, erreicht man schizophrene Residualzustände. Dies sind Rest- oder Endzustände als Ergebnis der Auseinandersetzung des Betroffenen mit der Krankheit. Dieser Residualzustand ist durch eine Persönlichkeitsveränderung in unterschiedlichem Ausmass gekennzeichnet, wobei ein Patient auch einen autistischen Rückzug durchlaufen kann. Hier ist der Autismus als Schutz und Rückzug des in der Schizophrenie ich-gestörten Menschen anzusehen.
1943 untersuchte der austro-amerikanische Kinderpsychiater Leo Kanner 11 Fälle autistischer Kinder. Diese Ergebnisse fasste er im Buch: "Autistische Störungen des affektiven Kontaktes" zusammen. Diese beschriebenen Gemeinsamkeiten wurden später als frühkindlicher Autismus oder Kanner-Syndrom bezeichnet.
Zusammengefasst lässt sich das Folgende sagen: Die herausragende fundamentale pathognomonische Störung ist die von Geburt an bestehende Unfähigkeit, sich in normaler Weise mit Personen oder Situationen in Beziehung zu setzen. Die Person handelt als ob niemand anwesend wäre, wie in einer Schale lebend, selbstgenügsam, stille Weisheit, kein soziales Gespür, wie hypnotisiert. Es handelt sich also nicht wie bei schizophrenen Menschen um einen Rückzug von zunächst vorhandenen Beziehungen oder der Teilnahme an zuvor vorhandener Kommunikation, sondern vielmehr um ein "Autistisches Alleinsein", welches alle äusserlichen Einflüsse oder Einwirkungen ignoriert, ausschliesst und nicht beachtet.
Anzunehmen ist dem zu Folge, dass diese Kinder also zur Welt kommen mit einer angeborenen Unfähigkeit, normale und biologisch vorgesehene Kontakte mit anderen Menschen herzustellen. Sie haben also ein Defizit, wie andere körperlich oder geistig behinderte Kinder. Wir können also vorerst angeborene Störungen des affektiven Kontaktes feststellen.
1944 beschrieb der österreichische Kinderarzt Hans Asperger, ohne Kanners Publikation zu kennen, in "die autistischen Psychopathen im Kindesalter" 4 Fälle, deren Gemeinsamkeiten er in den folgenden 6 Gesichtspunkten zusammenfasste. Das Buch beschrieb das später nach ihm benannte Aspergersyndrom.
1. Erscheinungsbild: Autistische Kinder sind arm an Mimik, Gestik und vermeiden den Blickkontakt. Ihre Sprachäusserung wirkt unnatürlich und nicht wie ein gerichteter Dialog an eine Person. Sie sind in ihrer Motorik ungeschickt.
2. Autistische Intelligenz: Eine ganz besondere Art von Aufmerksamkeitsstörung scheint ein solches Kind von innen her abzulenken. Autisten erfinden ständig gut zutreffende neue Wörter. Dadurch sind sie sehr schöpferisch begabt, was die Sprache angeht. Dazu gleichen sich ihre beträchtlichen Defekte durch kompensatorische Hypertrophie besonderer Fähigkeiten aus.
3. Verhalten in der Gemeinschaft: Diese Kinder haben durch ihre eigenen Impulse sehr oft eine autistische Bosheitsakte und sehr negative Reaktionen gegenüber der Familie und der Umwelt. Man kann ihr Verhalten als "eine Einengung der Beziehungen zur Umwelt" bezeichnen.
4. Trieb und Gefühlsleben: Sie zeigen ein unterschiedliches Sexualverhalten (von Desinteresse bis zu exzessiver Masturbation) und neigen häufig zu sadistischen Reaktionen. Sie zeigen keinerlei Respekt für Verbot oder Gebot, also ein relativ egozentrisches Verhalten. Sie sind häufig humorlos und neigen zu eifrigen Sammelleidenschaften sowie Spezialinteressen.
5. Genetik: Asperger glaubte an einen genetischen Hintergrund des Autismus. Denn unter den 200 untersuchten Fällen fand er keinen einzigen Fall, in dessen Familie nicht wenigstens eine Person Kontakt- und Kommunikationsstörungen aufwies (meist bei den Vätern). Dadurch glaubte Asperger an eine mögliche Vererbung des Autismus.
6. Soziale Wertigkeit und Verlauf: Der autistische Intelligenzzustand variiert von intellektueller Minderwertigkeit bis zu überdurchschnittlicher Klugheit. Bei hohem IQ bestehen eine gute Integrationsprognose in die Gesellschaft sowie gute Weiterbildungsmöglichkeiten.
Kanner und Asperger beschrieben also in den vierziger Jahren das Leiden des Autismus fast gleichzeitig. Unabhängig voneinander nannten sie es beide "Autismus". Ihre Berichte sind sich in vielerlei Hinsicht erstaunlich ähnlich. Oliver Sacks nennt dies in seinem Buch: "Eine Anthropologin auf dem Mars", ein hübsches Beispiel für historische Synchronizität". Beide Autoren bezeichneten den Autismus als eine Kontaktstörung, wobei das seelische Für-sich-Sein das entscheidende Merkmal war. Dabei unterschieden sie zwischen Menschen mit Schizophrenie, die sich aktiv in ihr Inneres zurückziehen und jenen, die von Geburt an in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit leben. Dies verschob die Bedeutung des Autismus. Durch diese beiden Autoren entstand auch eine weitere Differenzierung des Autismus, welche bis heute wohl die bekannteste Unterscheidung dieser Entwicklungsstörung geblieben ist. Diese Differenzierung ist oft aber erst ab dem dritten Lebensjahr möglich. Kanners Autismus-Begriff ist heute als frühkindlicher Autismus bekannt, währenddessen Aspergers Autismus-Beschreibung durch die englische Psychologin Lorna Wing die Bezeichnung Asperger-Syndrom erhielt.
