Diskussion
In einem Vortrag im Kollegium Spritus Sanctus Brig und in meiner Seminararbeit „Eine Differenzierung zwischen dem Asperger-Syndrom und dem frühkindlichen Autismus“ an der Universität Freiburg hatte ich die Gelegenheit, mir einige Gedanken über die Kommunikation mit Menschen, die das autistische Syndrom aufweisen, zu machen. Hierzu ein Ausschnitt aus der Diskussion meiner Seminararbeit :
„...Autismus ist ein sehr weites Forschungsgebiet. Es gibt unzählige Fallbeschreibungen, die unterschiedlichsten Ursachenerklärungen und umstrittensten Therapiearten. Und doch bleibt nach wie vor die Wesensart von autistischen Menschen genauso verschleiert wie jeher. Die Frage nach dem Sein und Selbst von Autisten ist immer noch verschlüsselt. Eine Erkenntnis ist, dass die meisten Autisten ein visuelles Gedächtnis besitzen, was die Inselbegabungen erklären könnte. Sie sind sensorisch sehr sensibel. Genauso wie Autisten unsere Art zu kommunizieren, interagieren und unsere Bedürfnisse verwehrt bleiben, verstehen wir sie auch nicht. Sie weisen eine uns unverständliche Art zu Denken, Fühlen und Bedürfnisse zu haben auf. In diesen Gebieten gibt es auch in der Population der normalen Menschen riesige Diskontinuitäten. So dass, sogar wir nicht-autistische Menschen Mühe haben uns gegenseitig zu verstehen und zu interagieren. Durch das Fehlen der uns verständlichen Kommunikation und Interaktion ist es uns und den Autisten umso erschwerter uns gegenseitig zu verstehen und sich einzufühlen in das respektive Sein des anderen. Um Autisten zu verstehen müssen wir lernen eine gemeinsame Sprache und Ausdrucksweise zu erreichen, die beiden Seiten zugänglich ist. Dazu möchte ich ein Beispiel erläutern: Vor 6 Jahren befasste ich mich schon einmal mit Autismus. Ich führte damals ein ausgiebiges Gespräch mit einer Mutter, die einen autistischen Sohn hat (Abb.3). Auch ihr Sohn hatte ein gestörtes Spielverhalten. Er kauerte beim Spielen in einer Ecke und beschäftigte sich angehend mit Teilen von Objekte. Er drehte eine Schraube in alle Richtungen und bewunderte sie von allen Seiten. Seine Mutter nahm eine gleiche Schraube und setzte sich in eine andere Ecke, abgewandt von ihm und ahmte sein Spielverhalten nach. Als Axel, ihr Sohn dies bemerkte wandte er sich ihr zu, begann zu lachen und zusammen drehten sie ihre Schraube und beguckten sie von allen Seiten. Die Mutter erklärte mir, sie hätte das Gefühl gehabt mit ihm zu Spielen. Er wäre dazu rezeptiv gewesen. „
Es gibt ganz unterschiedliche Arten Gefühle zu kommunizieren. Die verbale Kommunikation ist die von den Menschen meist angewandte und auf den ersten Anblick zugänglichste Art zu kommunizieren, zu denken und zu fühlen. Und trotzdem ist während einer verbalen Kommunikation zwischen zwei „normalen“ Menschen die nonverbale Kommunikation eine wesentliche Komponente der kommunizierenden Interaktion. Die nonverbale Kommunikation ist kodiert in Gesten, Mimik, Körperhaltung und -bewegung, im Tonfall, in Berührungen und Gerüchen, im Augenkontakt, in der interpersonellen Distanz und Impression-Management (Kleidung, Frisur etc.) usw. Diese nonverbale Kommunikation wenden wir auch in der Interaktion mit unseren Haustieren an etc.
Es gibt viele nonverbale Arten zu kommunizieren, z.B. in der Musik, im Sport oder in den unterschiedlichsten anderen Domänen.
Taubstumme Menschen kommunizieren durch die Gebärden-Sprache.
In einem Orchester kommunizieren die Musiker durch Symbole, die Sprache der Noten und die Gesten des Dirigenten.
In einer Band interagieren die unterschiedlichen Musiker während einer Improvisation, indem sie eine Notenlage festsetzen und auf die gegenseitig gespielten Töne hören.
Sportler kommunizieren durch ihre körperliche Kompetenz.
Ein Maler kommuniziert seine Gefühle durch ein nonverbales Medium, z.B. Farben, Formen, gestalterische Materialen etc.
Das Kleinkind malt sein Familienleben.
Im bereits erwähnten Dokumentarfilm über Sabine wird gezeigt, dass sie mit ihren Geschwister tanzt oder manchmal auf ihre Erzieherinnen einschlägt wenn ihr die Worte fehlen.
Wenn die Worte oder Argumente fehlen gebrauchen manche Leute auch körperliche Gewalt.
Daniel Tammet au Magazine de la santé, le 11/03/09
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Bei dem Autist Daniel Tammet löst jede Zahl bis 10 000 eine emotionale Komponente aus, welche durch Aufregung und Freude charakterisiert sein kann (die Primzahlen findet Daniel schön und makellos) oder ihn irritieren und bei ihm ein Unwohlsein auslösen können. Dieser Autist nimmt Zahlen visuell und emotional wahr, wie wir im Video sehen können. Er hat einen visuellen und numerischen Wortschatz. Die Zahlen sind seine Muttersprache, in welcher er denkt und fühlt. Wenn Daniel Tammet gewisse unserer „normalen“ Emotionen nicht nachvollziehen kann, so versucht er diese durch Zahlen zu verstehen. Z.B. wenn jemand sich traurig oder deprimiert fühlt, so stellt sich Daniel vor, er wäre in der dunklen Schlucht der Zahl 6. Fühlt sich jemand eingeschüchtert, so stellt sich Daniel vor, er stehe neben der Zahl 9. Redet eine Person über einen schönen Ort, den er besichtigt hat, so denkt Tammet an seine Zahlen-Landschaften und wie diese ihn glücklich machen. Die Zahlen helfen ihm, uns „normalen“ Menschen näher zu kommen. Auch als Kind, wenn Daniel nicht schlafen konnte, so dachte er an Zahlen. Durch diesen Prozess fühlte er sich in eine kuschelige numerische Decke eingewickelt. Daniel rechnet gerne. Als Kind sammelte er Abfallsäcke voller Kastanien und zählte diese. Dasselbe tat er, wenn er Münzen sammelte. Zählen beruhigte ihn. Sobald er gestresst oder aufgeregt ist, so zählt er z. B. die Leute um sich herum.
Zahlenfolgen nimmt er als schöne Landschaften wahr. So lernte Daniel Tammet 22 514 Dezimalstellen der Pi-Zahl auswendig und brach den Rekord in der Wiedergabe dieser.
Daniel Tammet lernte zu lesen und zu sprechen. Trotzdem hat er Mühe mit anderen Menschen verbal zu kommunizieren, da es ihm erschwert ist, Wörter und Sätze in ihren sozialen Kontext einzuordnen. Es ist ihm fast unmöglich zwischen den Linien zu lesen. Wenn ihn z.B. ein Lehrer sagte: „Sieben mal Sechs“ und ihn anschaute, so kannte Daniel natürlich die Antwort, doch verstand er nicht, dass er laut dieses Resultat formulieren sollte. Er antwortete erst, wenn sein Lehrer die Frage explizit stellte: „Wie viel ergibt Sieben mal Sechs?“. Zu oft müssen wir Menschen, wenn wir verbal kommunizieren, Sätze in ihrem sozialen Kontext verstehen. „Nehmen sie einen Stuhl“, heisst nicht, den Stuhl wegnehmen, sondern sich darauf setzten. Wir „normale“ Menschen tun dies intuitiv, was jedoch für einen Autisten schwer ist und was er zuerst lernen muss. Die Beziehung die Daniel Tammet zu Wörtern hat, ist vielmehr eine ästhetische und analytische. Gewisse Wörter lösen bei ihm eine emotionale Reaktion aus, ausserhalb ihres sozialen Kontextes. Er ist aber auch fähig eine Sprache in kurzer Zeit zu lernen. So spricht Daniel 12 Sprachen und er lernte in 4 Tagen isländisch Sprechen.
Der Grund hierfür ist seine Synästhesie. Dies ist eine neurologische Konfusion der Sinne, welche sehr rar ist. Hierbei haben die Betroffenen manchmal die Kapazität Zahlen, Wörter oder Buchstaben farbig wahrzunehmen. Daniel weist eine sehr komplexe Synästhesie auf, denn er nimmt Zahlen als unterschiedliche Formen, mit verschiedenen Farben und Texturen sowie mit speziellen Bewegungen wahr. Wörter und Sprachen nimmt er auch auf diese Weise wahr.
Der bekannteste Fall von Synästhesie untersuchte ein russischer Psychologe, A.R. Luria im Jahre 1920. Es handelte sich um den Journalisten Shereshevsky, der durch sein faszinierendes Gedächtnis auffiel. Dieser wies ein visuelles Gedächtnis auf und nahm alle Wörter durch genauso viele unterschiedliche Formen und Farben wahr. Shereshevsky konnte sich nach drei Minuten an eine Matrix mit 50 Ziffern erinnern und dies auch noch Jahre später.
Genau diese Synästhesie erklärt die meisten Inselbegabungen, wie das Ausrechnen von der Anzahl Reiskörner in irgend einem Gefäss, oder das schnelle taschenrechnerartige Kopfrechnen vieler Savants mit dem autistischen Syndrom. Nach weiteren Studien von Prof. Ramachandran, der Direktor des Center for Brain and Cognition an der Universität von Kaliforniern, in San Diego, wird davon ausgegangen, dass ein Zusammenhang zwischen der Synästhesie und der schriftlichen, dichterischen Kreativität vorhanden sein könnte.
Schliesslich kommuniziert ein jeder durch ganz unterschiedliche Medien, wenn ihm die Wörter fehlen. Ein jeder hat seine Art entwickelt, sein Gefühlsleben und seine Wahrnehmung der Welt auszudrücken und er versucht dies auf unterschiedliche Weise. Kommunizieren ist ein Bedürfnis eines jeden Menschen. Jeder Mensch sucht nach dem Medium, mit dem er dies am Besten tun kann.
Autisten bleibt unsere verbal geordnete Gefühlswelt verwehrt. Doch wie verhält es sich mit anderen Medien, wenn man den Autisten diese zur Verfügung stellt und sie in diesen fördert?
Stephen Wiltshire „Die lebende Kamera“:
Kim Peek „das lebende Google“: Dieser Autist errechnet bis 4000 Jahre zurück jeden Wochentag jedes historischen Ereignisses, die Schaltjahre inbegriffen. Er kennt zudem auswendig jede Busverbindung, das gesamte Strassennetz, die Telefonvorwahlen und die Postleitzahlen der USA.
Matt Savage: Dieser autistische Junge brachte sich mit 6 Jahren selbst das Klavierspielen bei, mit 7 Jahren komponierte er und veröffentlichte er seine erste Jazz-CD.
Derek Paravicini: Ein blinder Autist, der jedes Musikstück, das er einmal gehört hat, auf dem Klavier reproduzieren kann. Er kann ebenso jedes Musikstück verändert spielen, wie wenn ein anderer Komponist es komponiert hätte.
Jason McElvain:
Christopher Tayler, „das Sprachgenie“:
Diese Autisten wurden gefördert. Man stellte ihnen Medien zur Verfügung, die ihnen Zutritt in unsere „normale“ Welt und uns Zutritt in ihre autistische Welt gewährleisten und diese vereinen.
Mit dem nachfolgenden Video möchte ich einen kleinen Einblick verschaffen, wie die täglichen Erfahrungen eines Autisten aussehen können, wenn sie die Erfahrung eines „Overload“ machen, da sie die ganzen uns umgebenden Impulse nicht, wie wir, in ein festes System einordnen und filtrieren können. Autisten haben eine Detail bezogene Wahrnehmung, was dazu führt, dass die unzähligen, zu vielen Informationen und Stimuli sie überrumpeln und dies zu einer enorm stressgeladenen Erfahrung für einen Autisten führen kann. Um das zu vermeiden, versucht z.B. Daniel Tammet, sobald er aus seiner ritualisierten und stabilen Umwelt, die ihm Sicherheit verleit, austritt, sich alle möglichen Szenarien vorzuspielen, die ihm in dieser neuen Situation widerfahren könnten und versucht zugleich für diese neue Situation ein erfolgreiches Verhalten seinerseits zu visualisieren. Die Vorsehbarkeit ist sehr wichtig für einen Autisten, damit er eine Situation kontrollieren kann. Gelingt dies nicht, so kann man oft überraschende Reaktionen beobachten, wie z.B., dass sich ein Autist an den Kopf schlägt bis es ihm weh tut, schreit etc. Daniel Tammet tat dies, wenn er einen solchen inneren erpressenden Druck fühlte und er diese Emotion ausdrücken musste. Darum ist es wichtig, in der Umwelt eines Autisten nicht zu signifikante Veränderungen vorzunehmen. Dies können für uns unwesentliche Sachen sein, wie Möbel verschieben, die Ernährung verändern etc. Darum haben Autisten ein sehr stark Ritual betontes Verhalten, das wir oft seltsam finden:
Menschen haben die Tendenz, einen anderen Menschen oder ein Tier nur deshalb als intelligent einzustufen, wenn sie ihr Verhalten verstehen und nachvollziehen können. So glaube ich, dass es die Aufgabe eines jeden sein muss, in diese autistische Welt einzutreten, wie es die oben erwähnte Mutter mit ihrem autistischen Kind spielend versucht hat. Wir sollten auch versuchen autistische Menschen früh zu erkennen und dadurch zu fördern, dass wir ihnen viele Kommunikationsmedien zur Verfügung stellen, wie wir es mit einem „normalen“ Kind auch tun sollten und sie nicht als „heilige Narren“ kategorisieren, nur weil ihnen die verbale Kommunikation verwehrt ist und uns selbst unter Umständen ein anderes Medium weniger zugänglich ist. Die Stimulation des Kindes in der Kleinkindphase ist sehr wichtig. Dies erfolgt bei normalen Kindern durch verbale Kommunikation mit seinen Bezugspersonen. Autistische Kinder sprechen wegen ihrer mangelnden Fähigkeit verbal zu kommunizieren auf diese frühkindliche Aktivierung nicht an. Daher ist es sehr wichtig, so früh wie möglich andere Aktivierungsmedien bei autistischen Kindern anzuwenden. Daher könnte z.B. gerade die Musiktherapie bei Autisten interessant sein. Musik ist eine nonverbale Sprache. Und zudem wäre interessant zu sehen, ob erklingende Töne bei einem autistischen Kind eine Reaktion hervorrufen und ihm helfen, sich genau auf diese Töne zu konzentrieren, um sich dadurch aus seiner chaotischen, ungeordneten Welt herauszulösen. Musik ist zudem ein Kommunikationsmedium, das sowohl dem Autisten, wie uns „normalen“ Menschen kulturell zugänglich ist und dadurch unsere zwei Welten vereinen kann. Daniel Tammet berichtet in seinem Buch, dass ein Lehrer ihm half, sich mit Musik zu beruhigen und dass ihm Musik wichtig ist, da sie ihm Beruhigung und Frieden bringt.
Wir nehmen alle unsere Welt ganz individuell wahr, haben eine ganz eigene Art zu verstehen, zu kommunizieren und uns zu konzentrieren. Ebenso brauchen wir ganz unterschiedliche Medien, um dies zu tun und wir fühlen uns durch spezifische Aktivitäten und Medien verstanden. Dies ist etwas, was jeden einzelnen Menschen als speziell auszeichnet. Im Gegensatz zu dem was die meisten Menschen denken, haben auch die Autisten, speziell jene, die vom Aspergersyndrom betroffen sind, das Bedürfnis, Freundschaften zu knüpfen, Körperkontakt aufzubauen und Einsamkeit zu vermeiden. Auch in der Freundschaft zwischen „normalen“ Menschen gibt es Gemeinsamkeiten und Unterschiede. In einer Beziehung lehrt man über die Differenzen hinwegzuschauen und die Gemeinsamkeiten zu teilen. So sollten wir auch fähig sein, über die Differenzen eines Autisten hinwegzusehen und zu bemerken, was wir eigentlich gemeinsam haben. Zudem sollte es unser Ziel sein, dass wir die verbale Kommunikation, die eigentlich uns Menschen vereint, nicht als Abgrenzung der Autisten gebrauchen und Autisten in ihrer schleierhaften Welt verkümmern lassen. Ich glaube das tolerante Verhalten seiner Eltern, das Daniel Tammet in seinem Buch beschreibt, ist ein sehr schönes Beispiel dafür, wie sich ein jeder zu verhalten hätte, wenn er mit der interessanten Welt eines Autisten konfrontiert wäre. Jeder Mensch hat das Bedürfnis auf seine Weise zu kommunizieren und sollte es sich deshalb zum Gebot machen, dies anderen Menschen auch zu ermöglichen.
Ich möchte auch noch anführen, dass Daniel Tammet vielen „normalen“ Studenten die englische Sprache beibrachte, als er als Lehrer tätig war. 2001 zeigte die National Autistic Society auf, dass nur 12% von Autisten beruflich tätig sind, obwohl vielen die Fähigkeit zu Arbeiten überhaupt nicht fehlt. Oft fallen diese in den verbalen Vorstellungsgesprächen durch.
Endlich hoffe ich, dass ich ihnen liebe Leser das autistische Syndrom habe etwas näher bringen können. Weil mir die weiteren Worte fehlen, höre ich nun auch zu schreiben auf und gebe meinen während des Schreibens abgebissenen Lippen endlich Ruhe, höre auf, mit meinem Stift umherzuwedeln und bereite meine tägliche Teetasse zu, die ich jeweils vor dem Essen zu trinken pflege.



